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Gesundheitswesen : Hoppes Vorschlag

  • -Aktualisiert am

Die Nachfrage nach medizinischen Leistungen muss gesteuert werden, sollen Kosten und Beiträge nicht aus dem Ruder laufen. Ärztepräsident Hoppe hat deshalb Recht, wenn er offen über Rationierung in der Medizin debattieren will.

          Die Deutschen sind ein Volk von Kranken. Alle drei Wochen - achtzehnmal im Jahr - geht, statistisch gesehen, jeder gesetzlich Versicherte zum Arzt. Dort bekommt er, was die Medizin im Angebot hat, und das (scheinbar) kostenfrei von der Behandlung einer Erkältung bis zur Herztransplantation. Die Gleichung kann nicht aufgehen, das liegt auf der Hand. Die Leute werden älter, die Nachfrage nach Gesundheitsleistungen wächst, das Therapieangebot von Ärzten und Pharmaindustrie wird größer und verlangt nach mehr Geld. So muss sich das Versprechen der Politik, eine moderne Versorgung auf hohem Niveau dauerhaft zu stabilen Beitragssätzen bieten zu können, als Illusion erweisen.

          Die Nachfrage nach medizinischen Leistungen muss gesteuert werden, sollen Kosten und Beiträge nicht aus dem Ruder laufen. Gestritten wird deshalb auch nicht um das Ob, sondern um das Wie. Gesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD) setzt auf die staatliche Steuerung erstattungsfähiger Therapien und Arzneien, den Ausbau von Zuzahlungen als Steuerungsinstrument lehnt sie ab. Wettbewerb lässt sie da zu, wo er die Kosten drückt. Das beschränkt am Ende die Therapiefreiheit der Mediziner. Ärzte können möglicherweise nicht mehr das verordnen, was sie für richtig halten, sondern was die Kasse für zulässig hält oder die Autoren von Leitlinien für ausreichend erachten.

          Rationierung - es ist an der Zeit

          Ärztepräsident Hoppe passt diese Richtung nicht. Ihm geht es nicht allein um Kosten, sondern darum, wer die Deutungshoheit im Gesundheitssystem hat. Hoppe stellt den nur seinen Patienten und sich selbst verpflichteten Arzt in den Mittelpunkt. Und so sollen Ärzte mit anderen Professionen in einem gleichsam überpolitischen „Gesundheitsrat“ festlegen, welche Krankheiten bei knappen Mitteln der Kassen noch behandelt werden sollen - und welche nicht. Hoppes Vorschlag mag politisch verwegen sein.

          Auch verstellt er den Blick auf Chancen für eine effektivere Patientenversorgung durch eine bessere Zusammenarbeit der Gesundheitsberufe. Es ist gleichwohl an der Zeit, über Rationierung in der Medizin offen zu debattieren. Das Wort „Rationierung“ hört die Politik nicht gern, denn es verschreckt die sich in Sicherheit wähnenden Bürger. Aber Wahrheiten offen auszusprechen gehört zum fairen Umgang mit dem mündigen Patienten, auch in Wahlkampfzeiten.

          Andreas Mihm

          Wirtschaftskorrespondent in Berlin.

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