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Gesundheitsvorsorge : Meine Gene, meine Zukunft

„Ich kann meinen Kindern sagen, dass sie nicht zu befürchten brauchen, mich an den Brustkrebs zu verlieren“: Schauspielerin Angelina Jolie. Bild: AFP

Angelina Jolie hat sich nach einem Gentest die Brüste amputieren lassen. Gendiagnostik ist mittlerweile auf der ganzen Welt ein großes Geschäft. Aber wie viel wollen wir wirklich über unsere Zukunft wissen?

          4 Min.

          Der Fall Angelina Jolie ist extrem. Ausgerechnet die Schauspielerin, die aus Filmen wie Lara Croft für ihre weibliche Figur bekannt ist, lässt sich die Brüste amputieren. Weil sie an einem Gendefekt leidet, der mit hoher Wahrscheinlichkeit zu Brustkrebs führen kann. Wesentliche Grundlage der Entscheidung, die zu einem so gravierenden chirurgischen Eingriff führte, war - ein Gentest.

          Christian Siedenbiedel

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Kein Wunder, dass der Fall weltweit die Aufmerksamkeit auf diese Tests lenkt. Ein Jahrzehnt ist es her, dass das menschliche Genom entschlüsselt wurde. Und das Verfahren, Gene auch für die Prognose schwerer Krankheiten zu nutzen, ist ein großes Geschäft. Fast eine halbe Milliarde Dollar setzt allein der Marktführer Myriad in Amerika jedes Jahr um. Das globale Marktpotential schätzt die Pharmabranche auf 10 bis 20 Milliarden Dollar im Jahr.

          Die Tests werden besser und billiger. Die große Frage lautet: Wie viel wollen wir wirklich über unsere Zukunft wissen? Wollen wir es überhaupt wissen, wenn uns eine schwere Krankheit droht, die womöglich zum Tode führt? Oder lebt es sich besser in unbeschwerter Unwissenheit?

          Untersuchung auf mehr als 100 erbliche Krankheiten

          Diese Fragen sind schwer zu beantworten. Einer, der seine Gene kennenlernen wollte, ist Theo Dingermann. Der Professor aus Frankfurt, Pharmazeut, hat dafür ein Internetangebot genutzt. Für knapp 100 Dollar ließ er seine Gene von der Firma 23andMe in Kalifornien auf mehr als 100 erbliche Krankheiten und sonstige Veranlagungen untersuchen. Dazu musste er nur eine Speichelprobe in einem Test-Kit einschicken. Die Firma wurde von der Frau eines Google-Gründers, Anne Wojcicki, aufgebaut und ist nicht unumstritten.

          Der Professor aber berichtet, er sei von den Ergebnissen positiv überrascht gewesen. Zuerst habe er „Aha“-Erlebnisse gehabt, weil die Firma aus seinen Genen viele Informationen gewann, die sie sonst gar nicht haben konnte - von der Augenfarbe bis zur Konsistenz des Ohrenschmalzes. Dann habe er den Hinweis bekommen, für ihn sei das Altersdiabetesrisiko um 100 Prozent erhöht. „Da habe ich erst mal die Turnschuhe angezogen, bin gejoggt und habe meine Ernährung umgestellt. Damit ich zumindest mein Möglichstes tue, diese Krankheit nicht zu bekommen.“

          Individuelle Gentest

          In solchen Fällen sind die Prognosen der Gentests segensreich: Jemand erfährt von einer Disposition für eine Krankheit, gegen die er etwas tun kann. Er lebt gesünder und bewusster. Und lässt sich von der Sorge über eine künftige Erkrankung nicht verrückt machen. Aber will man auch von Krankheiten wissen, die mit schlimmsten, womöglich tödlichen Folgen auf einen zukommen, gegen die man aber kaum etwas oder gar nichts machen kann?

          Als Extremfall gilt Chorea Huntington, eine erbliche Erkrankung des Gehirns, früher „Veitstanz“ genannt. Sie nimmt einen schweren Verlauf, im Schnitt führt sie 15 Jahre nach den ersten Symptomen zum Tod. Bisher gibt es keine Möglichkeit, den Ausbruch zu verhindern, wenn jemand das entsprechende genetische Merkmal aufweist. Trotzdem gibt es Menschen, die sich auf diese Krankheit gendiagnostisch testen lassen. Warum?

          Ein Grund ist, dass auch Ungewissheit quälend sein kann. Jemand, der seit 20 Jahren weiß, dass die Krankheit in seiner Familie vorkommt und er damit zur Risikogruppe gehört, will vielleicht Klarheit haben. Möglicherweise spielt für ihn die Frage eine Rolle bei der Entscheidung, selbst eine Familie zu gründen und Kinder zu haben. Außerdem kann der Test erleichternd sein, wenn man erfährt, dass man die genetische Veranlagung zu der Krankheit nicht geerbt hat.

          Wissen und Nicht-Wissen abwägen

          Andererseits neigen manche Menschen sicherlich auch zur Verzweiflung, wenn ihre Angst, eine solche Krankheit geerbt zu haben, zur Gewissheit wird. Gentests können auch die Wirkung von sich selbst erfüllenden Prophezeiungen haben: Das Wissen, die Disposition für eine Krankheit zu haben, kann selbst krank machen.

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