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Gesundheitspolitik : Patienten benoten ihre Ärzte

Patienten glauben oft, jeder Arzt sei ein guter mediziner. Das stimmt nicht. Bild: dpa

Ist das Wartezimmer überfüllt? Kann der Arzt gut zuhören? All das dürfen Patienten bald benoten. Endlich kommt ein bisschen Transparenz in die Praxen.

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          Wo finden Patienten einen guten Arzt? Viele fragen einfach ein paar Bekannte und verlassen sich auf deren Erfahrungen - anderes bleibt ihnen derzeit kaum übrig. In Zukunft sollen sie auch das Internet fragen können, finden die Allgemeinen Ortskrankenkassen (AOKs). Deshalb wollen sie ein Internet-Portal einrichten, auf dem Patienten ihre Ärzte benoten können. Nächstes Jahr soll es an den Start gehen.

          Patrick Bernau

          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft und „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Die Ärzte beschweren sich jetzt schon: Die Patienten könnten ihre Ärzte gar nicht richtig bewerten. "Auch wir wollen die hohe Qualität der ärztlichen Leistung transparent und sichtbar machen. Aber subjektive Bewertungsmethoden halten wir dabei nicht für den richtigen Weg", sagt der Chef der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, Andreas Köhler.

          Damit ist der Streit entbrannt: Wie sinnvoll ist es, wenn Patienten Ärzte bewerten? Und was können solche Wertungen bringen?

          Bild: F.A.Z.

          „Die Patienten suchen Orientierung“

          Ziemlich viel, glaubt Uwe Schwenk bei der Bertelsmann-Stiftung. Er arbeitet mit den AOKs an dem Portal und sucht schon seit einiger Zeit nach Möglichkeiten, Patienten zu guten Ärzten zu lotsen. Sein Argument: Die Patienten wollen das. 17.000 Menschen suchen jeden Tag einen neuen Arzt - weil sie umgezogen sind, mit dem alten Arzt nicht zufrieden waren oder weil sie einen Facharzt brauchen, den sie bisher noch nie aufgesucht haben. "Die Patienten suchen die Orientierung, ob die Ärzte das wollen oder nicht", sagt Schwenk. Die Menschen sprechen mit Bekannten und tauschen sich in Internet-Foren aus - aber was sie dort erfahren, ist einigermaßen zufällig.

          Deshalb will er die Patienten ihre Ärzte nun gezielt bewerten lassen. Jeder Versicherte soll einen Arzt nur einmal bewerten können. Der Gedanke: 50 Bewertungen im Internet sind mindestens so aussagekräftig wie drei zufällige Gespräche mit Bekannten. Dabei wird wohl vor allem eines abgefragt: Wie benimmt sich der Arzt seinen Patienten gegenüber?

          Das können Patienten beurteilen, darüber gibt es wenig Streit. Selbst Ärztevereinigungen haben eine Checkliste herausgegeben, auf der Patienten sehen, was sie von einem Arzt erwarten können (siehe Kasten unten). Doch behandelt ein höflicher, gut organisierter und verständnisvoller Arzt auch den Bluthochdruck besser? Ja, sagt Schwenk. Viele Behandlungsfehler entstünden an simplen Stellen - etwa, wenn der Arzt seinem Patienten nicht richtig zuhört oder Rezepte nicht sorgfältig ausfüllt.

          Doch auch der bestorganisierte Arzt kann Fehler bei der Behandlung machen. Diese Fehler können Patienten nicht erkennen, das gibt auch Schwenk zu. Das grundsätzliche Problem: Einen Arzt zu beurteilen ist längst nicht so leicht wie einen Automechaniker. Beide arbeiten zwar im Prinzip ähnlich: Sie sollen einen Mechanismus instand setzen, von dessen genauer Arbeitsweise der Kunde keine Ahnung hat. Beim Automechaniker ist aber ganz klar: Wenn das Auto nicht fährt oder wenn es klappert, hat er seine Arbeit schlecht gemacht. Aber: "Wenn ein Arzt den Bluthochdruck richtig behandelt, verhindert er in 95 Prozent der Fälle einen Schlaganfall. In 5 Prozent tritt der Schlaganfall trotzdem ein, obwohl der Arzt alles richtig gemacht hat", sagt Epidemiologe Johann Steurer von der Universität Zürich, der die Arbeitsgruppe für medizinische Qualitätskriterien an der Schweizer Akademie der Wissenschaften leitet.

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