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Interview mit Kriminologe : „Die Fifa ist wie der Vatikan“

In der wundersamen Welt der Fifa: Pieth (rechts) und Präsident Blatter beim Fußball-Weltverband 2011 noch Seit´ and Seit´ Bild: dpa

Fifa-Kenner Mark Pieth über den Sonnenkönig Sepp Blatter, die mutlose Uefa, heuchlerische Sponsoren und den Piratenhafen Schweiz. Ein Gespräch.

          5 Min.

          Herr Pieth, in Ihrer Zeit als Chef der Fifa-Reformkommission wurden Sie von Spitzenfunktionären beschimpft. Sitzt die eine oder andere dieser Personen inzwischen hinter Gittern?

          Johannes Ritter

          Korrespondent für Politik und Wirtschaft in der Schweiz.

          Noch nicht, aber ich hoffe, dass es bald so weit ist. Ein nationaler Verbandspräsident, der seit 1998 im Fifa-Exekutivkomitee sitzt, sagte zu mir: „Du bist ein Trottel.“ Dieses Beispiel zeigt, dass die Herren nicht begriffen haben, um was es geht.

          Das erinnert an den Fifa-Präsidenten Joseph Blatter: Auch er versteht die Welt nicht mehr, seit ihn die Ethikkommission für acht Jahre gesperrt hat. Sind irdische Regeln auf dem Planeten Fifa außer Kraft?

          Die Fifa ist wie der Vatikan – darüber gibt es nur noch den Himmel. In seiner Pressekonferenz kurz vor Weihnachten empörte sich Blatter: Er sei doch der gewählte Präsident, also könnten ihn nur die Fifa-Mitgliedsverbände, also die Generalversammlung, absetzen. Das ist die Haltung eines Sonnenkönigs: Der Staat bin ich. Blatter und der ebenfalls suspendierte Uefa-Präsident Michel Platini glauben, sie stünden über dem Recht. Daher ihr gespenstisches Verhalten.

          Gestolpert sind die beiden vor allem darüber, dass Blatter Platini 2 Millionen Franken für dessen angebliche Beratertätigkeit in früheren Jahren überweisen ließ. Wie bewerten Sie das?

          Die rechtsprechende Kammer der Fifa-Ethikkommission sieht in diesem Fall einen Interessenkonflikt. Das klingt harmlos. Was sie wohl meinen, ist Untreue. Die Ethikkommission geht offensichtlich davon aus, dass Blatter in die Kasse gegriffen und freiwillig seinem Freund Platini Geld gegeben habe, auf das dieser eigentlich gar keinen Anspruch hatte. Er hätte also Vereinsvermögen verschwendet. Platini wiederum wäre der Begünstigte und geriete dadurch in eine Gehilfenschaft gegenüber Blatter.

          Korruptionsvorwürfe gegen Fifa-Funktionäre gibt es schon lange. So richtig Fahrt nahm die Aufklärung aber erst auf, als die amerikanische Justizministerin Loretta Lynch in Zürich hochrangige Verbandsgranden verhaften ließ.

          Die von uns eingesetzten Ermittler, der Anwalt Michael Garcia und der ehemalige Richter Hans-Joachim Eckert, haben die Justiz auf den Plan gerufen. Loretta Lynch hat dieses Thema also nicht erfunden. Aber sie hat erkannt, dass sie sich damit schnell einen Namen machen kann, ohne amerikanische Interessen zu verletzen. Für Fußball interessiert sich in Amerika doch kein Mensch. Wäre Lynch gegen irgendeine Firma wie beispielsweise Wal-Mart vorgegangen, hätte sie am nächsten Tag Schwierigkeiten im amerikanischen Kongress bekommen. Wenn Präsident Obama Ende dieses Jahres geht, endet auch ihre Amtszeit. Daher macht sie im Fifa-Fall jetzt so viel Druck.

          Ist die Fifa, wie Loretta Lynch behauptet, eine mafiaähnliche Organisation?

          Na ja, Fußballfunktionäre bringen keine Leute um. Die Fifa ist ein privater Geldverteilapparat unter alten Männern, auf den sich die öffentlichen Antikorruptionsregeln bisher nicht anwenden ließen.

          Mark Pieth im Gespräch: “Die Fifa ist ein privater Geldverteilapparat unter alten Männern“

          Im Zusammenhang mit Fußball-Vermarktungsrechten sollen Bestechungsgelder von mehr als 100 Millionen Dollar geflossen sein. Hat Sie dieses Ausmaß überrascht?

          Ja, da war ich schon erstaunt. Es gab immer den Korruptionsverdacht, aber nicht die Handhabe, um an entsprechende Beweise zu kommen. Nun greifen staatliche Instanzen zu. Das ist ein großer Vorteil.

          Anfang Dezember hat das Fifa-Exekutivkomitee Reformen beschlossen, die weiter gehen als von vielen Beobachtern erwartet. Wie kam es dazu?

          Die Verhaftungen haben Feuer unters Dach gebracht und den Reformdruck erhöht. Entscheidend war aber die Schaffung von zwei vollkommen unabhängigen Gremien, der Ethikkommission und des Audit- und Compliance-Komitees. Letzteres wird von dem Wirtschaftsmanager Domenico Scala sehr erfolgreich geführt. Scala darf als unabhängiger Chefaufseher an jeder Fifa-Sitzung teilnehmen und jeden Schrank öffnen. Er kann an jeder Ecke auftauchen. Das stört. So lässt sich nicht mehr in Ruhe über das Geldverteilen reden. Auch die Ethikkommission hat gute Arbeit geleistet und inzwischen mehr als 40 Funktionäre gesperrt. Und das wird so weitergehen.

          Die Reformen tragen Scalas Handschrift. Welche Rolle spielte die Fifa-Reformkommission unter Führung von François Carrard?

          Aufbauend auf Scalas Reformvorschlägen, waren der Fifa-Rechtschef Marco Villiger und der Finanzchef Markus Kattner die treibenden Kräfte. Sie haben Carrard gesagt, was er zu tun hat.

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