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Gesetzliche Krankenkassen : Die teuersten Patienten wohnen in Pfaffenhofen

Bei den Ausgaben ist ein deutliches Ost-West-Gefälle zu erkennen Bild: F.A.Z.

Das Bundesversicherungsamt hat analysiert, wie viel Geld die gesetzlichen Krankenkassen in den einzelnen Landkreisen im Schnitt für jeden Versicherten ausgeben. Die Daten zeigen: Je mehr Ärzte es gibt, desto teurer ist die Versorgung.

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          Die teuersten Patienten Deutschlands wohnen vor allem im Osten und in der Mitte. Im Nordwesten und Süden dagegen lebt es sich anscheinend besonders gesund, im Westen fällt die Bilanz gemischt aus. Das legen Daten nahe, die das Bundesversicherungsamt (BVA) für 2010 ermittelt hat. Sie zeigen für jeden Landkreis, wie hoch die Ausgaben für Kassenpatienten waren. Bereinigt man diese Daten um Alter, Geschlecht und Krankheitsmerkmale - und macht sie so bundesweit vergleichbar -, dann zeigt sich, dass die Ausgaben je Versicherten am höchsten sind, wo es viele Ärzte und Krankenhäuser gibt.

          Im Schnitt 2170 Euro Kosten je Patient

          Andreas Mihm
          Wirtschaftskorrespondent für Österreich, Ostmittel-, Südosteuropa und die Türkei mit Sitz in Wien.

          Spitzenreiter bei den Ausgaben sei 2010 der Landkreis Pfaffenhofen gewesen, sagt BVA-Referatsleiter Dirk Göpffarth. Die Ausgaben je Versicherten im südlich von Ingolstadt gelegen Kreis erreichten 2834 Euro. Am preisgünstigsten kamen den Kassen ihre Versicherten im niedersächsischen Cloppenburg: Hier kostete der durchschnittliche Kassenpatient nur 1804 Euro. Im Bundesdurchschnitt stiegen die Ausgaben 2010 auf 2170 Euro je Patient, 69 Euro mehr als im Vorjahr.

          Grund für die hohen Ausgaben im Osten und der Mitte Deutschlands ist die Tatsache, dass dort überdurchschnittlich viele alte und kranke Menschen leben. Dort sind die absoluten Ausgaben je Versicherten zwar besonders hoch. Um Alter und Geschlecht bereinigt zeigt sich aber, dass „der Kranke“ in den neuen Ländern preiswerter ist als in den alten Bundesländern.

          Negativer Spitzenreiter: Pfaffenhofen

          Göpffarth belegt das am Beispiel der Städte Bayreuth in Bayern und Suhl in Thüringen. Beide hatten 2009 und 2010 überdurchschnittliche Ausgaben je Versicherten. In Bayreuth betrugen sie zuletzt 2660 Euro, in Suhl 2712 Euro. Da in Suhl aber ein Drittel mehr Rentner als in Bayreuth (und im Bundesdurchschnitt) leben, sinken die Ausgaben nach Bereinigung um Alter, Geschlecht und besonders teure Erkrankungen in Suhl um 440 Euro je Fall, in Bayreuth nur um 118 Euro. Auch in dieser „risikoadjustierten“ Rechnung lag Pfaffenhofen 2010 mit 3144 Euro je Versicherten an der Spitze, am günstigsten war die Versorgung im saarländischen Sankt Wendel. Hier reichte eine Zuweisung von 1908 Euro je Versicherten an die Kasse.

          Die Einteilung der Versicherten anhand von Alter, Geschlecht und 80 besonders kostenträchtigen Therapien soll sicherstellen, dass die Kassen genau die Zuweisung je Fall bekommen, die nötig ist, um die Behandlungskosten bezahlen zu können. Gelänge der Ausgleich vollkommen, müssten sich diese standardisierten Ausgaben bundesweit angleichen.

          Das tun sie aber nur zum Teil, wie die Spanne von mehr als 1000 Euro zwischen Sankt Wendel und Pfaffenhofen zeigt. Um herauszufinden warum, hat Göpffarth weitere Vergleichskriterien zu Rate gezogen, etwa die Arbeitslosenquote, das durchschnittliche Haushaltseinkommen, die Wohnungsgröße und das Bildungsniveau. Die These, dass in einigen Regionen die Ausgaben höher sind, weil die Bürger die Qualität der Versorgung höher schätzten als anderswo, hat Göpffarth verworfen. Er verweist statt dessen auf soziostrukturelle Merkmale: Landkreise, in denen die Ausgaben auch nach der Bereinigung um Alter, Geschlecht und Krankheitsmerkmale überdurchschnittlich hoch sind, seien gekennzeichnet durch eine hohe Siedlungsdichte, eine überdurchschnittliche, auf Dienstleistung beruhende Wirtschaftskraft, viele Ein-Personen-Haushalte, hohes Einkommen und hohes Bildungsniveau. Hohe Bildung und hohes Einkommen seien zwar in der Regel mit einer geringeren Anfälligkeit für Krankheiten, „aber auch mit einer höheren Inanspruchnahme insbesondere fachärztlicher Leistungen verbunden“.

          Bringen Ärzte die Nachfrage - oder umgekehrt?

          Tatsächlich kann Göpffarth nachweisen, dass die Ausgaben auch nach der Bereinigung um so höher sind, je mehr Ärzte und Krankenhäuser in dem Gebiet ihre Leistungen anbieten. Es zeige sich „ein deutlicher positiver Zusammenhang zwischen dem Umfang des Angebots und der Höhe der risikoadjustierten Ausgaben“. Es seien „offensichtlich vor allem die Fachärzte, die in Kreisen mit hohen Ausgaben überdurchschnittlich vertreten sind“. Der BVA-Experte hebt aber hervor, dass unklar sei, ob die vielen Ärzte die Nachfrage nach Behandlung anstachelten oder ob eine hohe Nachfrage der Patienten die Ärzte anzieht.

          Immerhin findet der Chef der Selbstverwaltung im Gesundheitswesen, Josef Hecken, die Ausarbeitung so interessant, dass er überlegt, nach den Daten künftig die Zulassung der Kassenärzte zu steuern. Ein Problem dabei sei, dass diese Daten in der Form für 2010 zum letzten Mal erhoben worden seien, sagt Göpffarth. Die Vorschrift, die dem BVA Zugang zu den Kassendaten gibt, wurde gestrichen.

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