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Gesetzliche Altersgrenze : Schwierige Rentenrechnungen

Bild: reuters

Wenn die gesetzliche Rente auf Dauer finanzierbar bleiben soll, müssen möglichst viele bis zu einem höheren Alter arbeiten, als heute. Werden die Arbeitgeber denn auch Stellen für die Älteren haben? Ja! Aus purem Eigennutz. Denn mancherorts ist der Mangel an Fachkräften schon gegenwärtig.

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          Eins und eins macht zwei. So simpel sind Rechnungen rund um die Rente selten. Aber was die gesetzliche Altersgrenze angeht, spricht alles dafür, dass am Ende der Kalkulation nicht die Zahl 60, 62 oder 65 stehen muss, sondern 67. Wenn die gesetzliche Rente auf Dauer finanzierbar bleiben soll, müssen möglichst viele bis zu diesem Alter arbeiten.

          Der SPD-Vorsitzende Sigmar Gabriel hat nun die „Rente mit 67“ in Frage gestellt, zumindest Aufschub gefordert. Er hat sich damit schon vor dem September-Parteitag so positioniert, wie das die Partei-Linken seit langem verlangen. Die SPD wirft in diesen Tagen sozialpolitischen Ballast ab, der sie Wählergunst gekostet hat. Plötzlich heißt es, die „arbeitnehmerfeindliche“ Heraufsetzung der Altersgrenzen sei 2007 auf Wunsch des Koalitionspartners CDU Gesetz geworden. Damit verleugnet die SPD die entscheidende Rolle ihres einstigen Vorsitzenden, des damaligen Arbeitsministers Franz Müntefering, der keine langen parteiinternen Debatten zuließ und das schmale Zeitfenster für eine solche Rentenreform nutzte.

          Schon von Rot-Grün eingeleitet

          Eingeleitet hatte die Reform schon Rot-Grün, denn unter deren Ägide hatte eine Regierungskommission unter Leitung des Wirtschaftsprofessors Bert Rürup die Verlängerung der Lebensarbeitszeit in einer alternden Gesellschaft längst als unausweichlich identifiziert. Die Rürup-Kommission forderte 2003 die Anhebung des Renteneintrittsalters auf 67 Jahre. Müntefering erklärte es auf seine Art: „Man muss kein Mathematiker sein, da reicht Volksschule Sauerland, um zu wissen: Wir müssen irgendetwas machen.“ Die wirtschaftliche Vernunft mündete in das „Altersgrenzenanpassungsgesetz“. Danach steigt die Altersgrenze von 2012 an schrittweise bis 2029 von 65 auf 67 Jahre. Wer 45 Jahre sozialversicherungspflichtig beschäftigt war, kann sogar weiter ohne Abschläge mit 65 in Rente gehen.

          Schon diese Ausnahme ist kritikwürdig, denn die Altersgrenze 65 ist nicht mehr zeitgemäß. Sie stammt aus einer Vergangenheit, in der die Rentenphase auf wenige Jahre beschränkt war. Heute bezieht ein Ruheständler seine Altersrente im Schnitt achtzehn Jahre lang, 1960 waren es nur acht. Das muss finanziert werden. Die Rentenkassen zahlen derzeit an 20 Millionen Rentner jedes Jahr rund 240 Milliarden Euro. In diese Kassen aber zahlen, weil die Bevölkerung schrumpft, immer weniger Beitragszahler ein. Sollte alles beim alten bleiben, müssten die Beiträge der Arbeitnehmer (die zusätzlich privat für das Alter vorsorgen sollen) und Arbeitgeber stark steigen. Der Arbeitsmarkt würde hohen Belastungen ausgesetzt, weil Einstellungen teurer würden. Daher ist die Rente mit 67 in Wahrheit das Gegenteil von „arbeitnehmerfeindlich“.

          Vor allem die heutigen Beitragszahler werden zur Kasse gebeten

          Die Steuerzahler kostet die Rente bereits heute 80 Milliarden Euro im Jahr. Deshalb werden in den nächsten Jahrzehnten vor allem die heutigen Beitragszahler zur Kasse gebeten, die später in Rente gehen und so de facto eine Rentenkürzung hinnehmen müssen. Zudem werden die heutigen (und künftigen) Rentner einen geringeren Rentenanstieg akzeptieren müssen. Deren Leidensfähigkeit im Verteilungsstreit ist aber noch nicht ernsthaft geprüft worden, da die Bundesregierung rechnerisch nötige Einbußen durch eine Rentengarantie aus wahltaktischen Gründen auf die Zukunft verschoben hat.

          Als Sollbruchstelle für die höheren Altersgrenzen gilt Kritikern - und nun auch der SPD-Führung - eine Gesetzesklausel, nach der 2010 überprüft werden soll, ob der Arbeitsmarkt reif ist für die Reform. Dieser Tage streiten Regierung und Opposition über die Interpretation der Statistik. Arbeitsministerin Ursula von der Leyen (CDU) betont, dass einschließlich der Selbständigen und Beamten inzwischen mehr als 40 Prozent der Personen zwischen 60 und 65 erwerbstätig sind. Die „Anti-67-Fraktion“ hält dem entgegen, dass nur 21 Prozent der Altersgruppe sozialversicherungspflichtig beschäftigt seien. Allerdings lag ihr Anteil noch im Jahr 2000 nur bei gut 10 Prozent.

          Die Tarifvertragsparteien vieler Branchen sind um die Älteren bemüht

          Ohne Zweifel ist das tatsächliche Renteneintrittsalter gestiegen, es liegt schon bei mehr als 63 Jahren. Das hat auch damit zu tun, dass sich Arbeitnehmer und Unternehmen auf den späteren Rentenbeginn einstellen. Die Phase der Frühverrentungen auf Kosten der Sozialkassen ist vorbei. Selbst in der Wirtschaftskrise war das für die Arbeitgeber ein nachrangiges Instrument. Die Tarifvertragsparteien vieler Branchen sind um die Älteren bemüht. Die Ideen reichen von Arbeitszeitkonten, Teilzeitmodellen, Gesundheitsschulung, altersgemischten Teams bis zu sogenannten Mentoring-Programmen, in denen ältere Mitarbeiter jüngere betreuen.

          Die Arbeitgeber handeln dabei aus purem Eigennutz. Mancherorts ist der Mangel an Fachkräften schon gegenwärtig. Für viele Stellen gibt es nicht genügend (geeignete) Berufsanfänger. Da rechnet es sich für die Arbeitgeber, die älteren fit zu halten. Die „Rente mit 67“ ist der Auftrag an Arbeitnehmer und Arbeitgeber, der körperlichen und geistigen Abnutzung entgegenzuwirken. In Abwägung der Alternativen ist der neuen Rentnergeneration längeres Arbeiten zuzumuten. Wer jetzt nach dem Aufschub des späteren Rentenbeginns ruft, macht eine Milchmädchenrechnung.

          Kerstin Schwenn

          Wirtschaftskorrespondentin in Berlin.

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