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Geschlossenes Tönnies-Werk : Stau im Schweinestall

Im Schweinestall wird es eng. Bild: dpa

Das Tönnies-Werk in Rheda-Wiedenbrück steht weiter still. Den Schweinehaltern in Deutschland fehlt damit ihr wichtigster Abnehmer: Die Preise rutschen in den Keller und in den Ställen wird der Platz knapp.

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          Für die Schweinehalter in Deutschland wird die Luft dünner. Noch immer ist unklar, wann die Produktion am Hauptstandort des größten deutschen Schlachtunternehmens Tönnies wiederaufgenommen werden kann. Dadurch stauen sich in den Ställen der Mastbetriebe und Ferkelzüchter die Tiere und ist es zu einem starken Preisverfall gekommen. Das Tönnies-Werk in Rheda-Wiedenbrück war vor drei Wochen zunächst bis zum 17. Juli geschlossen worden, nachdem sich 1400 Mitarbeiter nachweislich mit dem Coronavirus infiziert hatten.

          Jessica von Blazekovic

          Redakteurin in der Wirtschaft.

          Eine Beratung der örtlichen Behörden über das von dem Branchenführer vorgelegte Hygienekonzept brachte am Donnerstag keine Entscheidung darüber, wann die Produktion wieder anlaufen kann. Mit Tönnies fehlt der mit Abstand größte Abnehmer in Deutschland für schlachtreife Schweine. Die Produktionskette ist dadurch massiv ins Stocken geraten, auch die Ferkelzüchter bleiben auf ihren Tieren sitzen. „In den Kinderzimmern der Sauenställe wird es eng“, warnte der Bauernverband Schleswig-Holstein. Dem Bundeslandwirtschaftsministerium zufolge fehlen aufgrund von Corona-Fällen und -Maßnahmen in den Betrieben derzeit etwa 14 Prozent der Schlachtkapazitäten für Schweine.

          20 Millionen Euro Verlust in der Woche

          Die Interessengemeinschaft der Schweinehalter Deutschlands (ISN) schätzt, dass allein infolge der Werksschließung bei Tönnies 70.000 bis 100.000 Schweine in der Woche nicht geschlachtet werden können. Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU) drängte nach einem Branchentreffen am Donnerstag darauf, die Abnahme von Tieren aus den Ställen zu sichern. „Trotz eingeschränkter Schlachtkapazitäten darf der Tierschutz auf keinen Fall vernachlässigt werden“, sagte die Ministerin. Auch die Bundestierärztekammer forderte mit Blick auf den Tierschutz schnelle Lösungen.

          Die Praxis sehe jedoch anders aus, sagte ISN-Fachmann Matthias Quaing der F.A.Z. Inzwischen würden die Vermarkter den Mastbetrieben keine Abnahmezusagen mehr machen. „Die Nerven der Schweinehalter liegen blank“, sagte Quaing. Das Platzproblem sei dabei noch das geringste: „Die Landwirte tun alles, damit die Schweine nicht unter tierschutzwidrigen Bedingungen gehalten werden müssen.“ Notschlachtungen schließt der Marktanalyst aus. Doch schon ein paar Tage Rückstau hätten einen herben Preisabschlag zur Folge, weil die Tiere dann deutlich über dem idealen Schlachtgewicht liegen würden. Die Vereinigung der Erzeugergemeinschaften für Vieh und Fleisch (VEZG) meldete diese Woche ein durchschnittliches Schlachtgewicht von 96,6 Kilogramm – ein Plus von 0,4 Kilo im Vergleich zur Vorwoche. 

          Hinzu kommt der natürliche Marktmechanismus: Wegen der stark reduzierten Schlachtungen herrscht ein Überangebot an Schweinen, was ihren Preis zuletzt stark gedrückt hat. Binnen zwei Wochen ist er der VEZG zufolge um 19 Cent gesunken, auf 1,47 Euro je Kilo. Noch Anfang des Jahres erhielten Landwirte rund 1,90 Euro, auch wegen der vor allem in China grassierenden Afrikanischen Schweinepest. „Ab einem Preis von rund 1,80 Euro im Jahresschnitt arbeiten die Landwirte nicht mehr kostendeckend“, sagte Quaing. In nur einer Woche entstehe den Schweinehaltern aktuell ein Verlust von rund 20 Millionen Euro.

          Die ISN forderte am Freitag Klarheit für die Landwirte, wann der Schlacht- und Zerlegebetrieb in Rheda wieder starten kann. „Mit jedem Tag verschärft sich die Situation auf den schweinehaltenden Betrieben nicht nur im Kreis Gütersloh, sondern in ganz Deutschland“, heißt es in dem aktuellen ISN-Marktbericht. Heftige Vorwürfe macht der Verband darin insbesondere dem Landrat des Kreises Gütersloh, Sven-Georg Adenauer (CDU). Er bringe mit seiner „vielleicht-vielleicht aber auch nicht-Hinhaltetaktik“ alle deutschen Schweinehalter in eine existenzbedrohende Situation.

          Der lachende Dritte könnte indes der Verbraucher sein – wenn das Billigfleisch in den Supermärkten noch ein bisschen billiger wird.

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