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Geschichte des Warenhauses : Im Paradies der Damen

Einst das größte Warenhaus Europas: Berliner Wertheim am Leipziger Platz in den 20er Jahren Bild: Foto: Waldemar Franz Hermann Titzenthaler Quelle: Wikipedia; Nick Gay, Berlin Then & Now, San D

Das Warenhaus ist eine Erfindung des 19. Jahrhunderts: Dort bekam der Kunde alles, was er wollte. Und er bekam es günstig.

          3 Min.

          Es sind die hitzigen Tage des Jahres 1968, als es in der Frankfurter Innenstadt fast besonders heiß geworden wäre. Die späteren Mitbegründer der Rote Armee Fraktion (RAF), Andreas Baader und Gudrun Ensslin, legen kurz vor Ladenschluss einen Brand im Kaufhaus Schneider an der Einkaufsstraße Zeil. Doch die Feuerlöschanlagen schalten sich rechtzeitig ein - niemand kommt zu Schaden.

          Tillmann Neuscheler

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Dass es ausgerechnet Kaufhäuser waren, die ins Ziel von Terroristen gerieten, hatte seinen Grund: Das Warenhaus - damals gut 100 Jahre alt - war im Laufe seines Siegeszuges zu einem Denkmal der anonymen Konsumgesellschaft geworden. Und die galt manchem als „böse“. Dabei zeigte der lang andauernde Erfolg der Warenhäuser, dass die Mehrheit der Konsumenten das ganz anders sah und sehr angetan war vom riesigen Sortiment an Waren, die offen zur Schau gestellt wurden. Manche sahen gerade in den Warenhäusern die Demokratisierung des Konsums verwirklicht. Dass sich Käufer und Verkäufer - anders als beim „Händler nebenan“ - nicht mehr persönlich kannten, störte nicht, es gehörte zum Konzept: Jeder durfte alles anschauen, ohne sich dabei gleich zum Kauf verpflichtet zu fühlen. Das senkte die Hemmschwelle und lockte die Massen ins Kaufhaus.

          Wohlstand für alle

          Als sich das moderne Warenhaus in der Mitte des 19. Jahrhunderts von Paris ausgehend verbreitete, waren Zeitgenossen vor allem von der Warenfülle überrascht: Von der Bettflasche zum Photoapparat, vom Tee bis zum Telefon - nahezu alles gab es im Warenhaus. Ein Besuch war auch ein kulturelles Bildungsereignis, selbst wenn man sich nichts leisten konnte. Hier gab es Lebensmittel aus fernen Ländern und neue Erfindungen zu bestaunen.

          Die Zigarrenabteilung im KaDeWe in Berlin im Jahr 1928
          Die Zigarrenabteilung im KaDeWe in Berlin im Jahr 1928 : Bild: AP / KaDeWe

          Die Industrialisierung hatte gerade die Voraussetzungen für den Massenkonsum geschaffen. Die Großwarenhäuser bewegten die Industrie dazu, zielgenau solche Dinge günstig zu produzieren, die viel nachgefragt wurden. Billig und viel hieß die Devise. Oder vornehmer ausgedrückt: kleine Gewinnspanne, aber hoher Umsatz. Mengenrabatte im Einkauf konnten an Kunden weitergegeben werden. Und so wurde zur Massenware, was zuvor als Luxus galt: „Wohlstand für alle“ war das noch unausgesprochene Versprechen zwischen Rolltreppen und Kassen.

          Wertheim war größer als Harrods

          In Deutschland war Georg Wertheim der große Warenhaus-Pionier. Sein erstes Warenhaus eröffnete er 1876 in Stralsund. Seine ersten Läden waren noch nicht viel größer als herkömmliche Geschäfte. Maßstäbe setzte er später aber mit seinem glanzvollen Neubau an der Leipziger Straße in Berlin, nur wenige Meter vom Potsdamer Platz entfernt. Im damaligen Baedekker-Reiseführer stand er unter den Berliner Sehenswürdigkeiten auf einer Stufe mit dem Reichstag.

          Um die Jahrhundertwende wuchs das Geschäft in den Warenhäusern kräftig - die ersten Ketten mit Filialen entstanden. In Norddeutschland gab es etliche Karstadt-Warenhäuser, im Süden dominierte Hermann Tietz (später: HerTie), im Rheinland Leonhard Tietz (später Kaufhof), in Berlin Wertheim und im Südwesten die Geschwister Knopf.

          Bargeld und Umtauschrecht

          Die Waren wurden nicht nur offen zur Schau gestellt, sondern regelrecht inszeniert, etwa mit Spiegeln, Stoffen und allen Tricks guter Beleuchtung. Vorher mussten die Kunden oft danach fragen, erst dann zogen die Verkäufer nach und nach die Waren aus Schachteln und präsentierten Ausschnitte aus dem Sortiment. Jetzt lag dem Kunden die Warenwelt vor Augen und er durfte darin spazieren gehen.

          Anders als die schon bekannten überdachten Einkaufspassagen mit vielen kleinen Läden, war das Großwarenhaus zentral geführt und nutzte Bündelungsvorteile. Zum Konzept gehörten zudem Sofortzahlung, zupackende Reklame, ein großzügiges Umtauschrecht und feste Preise. Vorher hatten Händler ihre Preise oft erst auf Anfrage nach dem Eindruck bestimmt, den sie vom Kunden hatten. Der durfte dann aber oft auch anschreiben lassen, wenn der Händler Vertrauen hatte. Im anonymen Warenhaus dagegen zählte nur Bargeld, dafür waren alle Menschen gleich.

          Eine Sondersteuer für Warenhäuser

          Die Entwicklung gefiel nicht jedem: Von vielen kleinen Einzelhändlern wurde das Aufkommen der Warenhäuser ängstlich beäugt. Sie riefen den Staat zur Hilfe und erreichten zeitweise auch Unterstützung in der Politik. In Preußen wurde im Jahr 1900 eine Sondersteuer für Warenhäuser erlassen, die bezahlt werden musste, sobald eine bestimmte Umsatzschwelle überschritten wurde. Den Wandel aber konnte die Strafsteuer nicht aufhalten.

          Ein literarisches Denkmal setzte Émile Zola dem Warenhaus: In seinem 1883 erschienenen Roman „Au Bonheur des Dames“ beschrieb er das Aufblühen des gleichnamigen Pariser Warenhauses, und das Zaudern der kleinen Läden in der Nachbarschaft, die zäh an alten Bräuchen festhielten. Auch sie mussten sich jetzt mehr anstrengen. In ihrem Feldzug für die eigenen Interessen berief sich die damalige Mittelstandsbewegung allzu gerne auf die Moral: „Halten Sie Ihre Frauen und Töchter vom Warenhaus fern“, hieß es in einer Veröffentlichung aus dem Jahr 1904. Die Verkaufsmaschine manipuliere die weibliche Psyche, hieß es. Kulturpessimisten warnten zudem, nicht nur die Käufer würden moralisch verfallen, sondern auch die Erzeuger: Sie fielen zurück in den überwunden geglaubten Grundsatz „billig und schlecht“.

          Emile Zolas Warenhaus-Roman „Au Bonheur des Dames“ (deutsch: „Das Paradies der Damen“)
          Emile Zolas Warenhaus-Roman „Au Bonheur des Dames“ (deutsch: „Das Paradies der Damen“) : Bild: Émile Zola, Au Bonheur des Dames. Paris: Bibliothèque-Charpentier, Eugène Fasquelle, Éditeur

          Auch das Bildungsbürgertum rümpfte die Nase, war aber insgeheim fasziniert. Manch einem war es peinlich, im Warenhaus gesehen zu werden. Vom Warenhaus Hermann Tietz in München wurde berichtet, manche wohlbetuchten Damen hätten den Verkäufern gesagt, sie seien lediglich für ihre Bediensteten unterwegs. Dabei ließen sie sich ihre Einkäufe nur widerwillig in Logo-bedruckte Tüten einpacken, lieber waren den statusbewussten Oberklasse-Damen unauffällige braune Papiertüten ohne Logo. Die Kleinbürger genierten sich da weniger. Sie waren froh, überhaupt am neuen Konsum teilhaben zu dürfen.

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