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Neue Geschäftsidee : Co-Working statt Brunch

Arbeiten im Coworking-Space Bild: AFP

In Amerika geben manche Restaurants ihre Räume tagsüber als Büros her – zum Arbeiten in Gemeinschaftsatmosphäre wie bei Wework. Für die Lokale ist es ein willkommenes Zusatzgeschäft.

          Das Hotel William Vale gehört zu den angesagtesten Adressen im New Yorker Szeneviertel Williamsburg. Seine Rooftop-Bar liefert einen spektakulären Blick auf die Skyline von Manhattan, im schick-rustikalen Restaurant „Leuca“ im Untergeschoss wird süditalienische Küche serviert. Besucht man „Leuca“ allerdings werktags am Morgen oder Nachmittag, bietet das Lokal ein etwas eigenartiges Bild. Zwar sitzen vorne im Barraum Gäste, die ganz normal zum Frühstücken oder Mittagessen gekommen sind. Aber im daran anschließenden Hauptraum geht es nicht um Gastronomie, sondern um Arbeit, denn dieser Teil des Lokals ist in ein Büro umfunktioniert worden. Die jungen Leute an den Tischen sind nicht zum Essen und Trinken gekommen, sondern sie starren auf ihre Laptops.

          Roland Lindner

          Wirtschaftskorrespondent in New York.

          Dieses Umfunktionieren von Restaurants in Büros ist eine noch recht neue Variante des sogenannten „Co-Working“, also des Arbeitens in gemeinschaftlich genutzten Räumlichkeiten. Diese Idee hat in den vergangenen Jahren insbesondere Wework vorangetrieben. Das New Yorker Unternehmen mietet Büroraum an, rüstet ihn mit technischer Infrastruktur aus, gibt ihm ein hippes Ambiente und vermietet ihn dann kurz- bis mittelfristig weiter.

          Für 129 Dollar im Monat

          Genutzt wird das von Freiberuflern und Mitarbeitern kleiner Start-Ups, zunehmend aber auch von größeren Unternehmen. Wework hat mittlerweile auch eine Reihe von Standorten in Deutschland. Der 2010 gegründete Bürovermittler zählt zu den Senkrechtstartern der amerikanischen Start-Up-Szene und wurde in seiner jüngsten Finanzierungsrunde mit 20 Milliarden Dollar bewertet. Und wenn sich Medienberichte bewahrheiten, wonach der japanische Softbank-Konzern eine Mehrheitsübernahme von Wework vorbereitet, könnte die Bewertung bald noch höher sein.

          Das Co-Working in Restaurants wie „Leuca“ wird vom New Yorker Unternehmen Spacious organisiert. Das Konzept unterscheidet sich von Wework. Spacious schließt keine langfristigen Mietverträge ab, sondern wird zu einer Art Untermieter in den Restaurants und gibt ihnen dafür einen Teil seiner Einnahmen, die aus Mitgliedergebühren bestehen. Diese Gebühren wiederum sind deutlich niedriger als bei Wework. Für 129 Dollar im Monat haben die Mitglieder Zugang zu allen Partnerrestaurants von Spacious, wer sich ein ganzes Jahr bindet, zahlt 99 Dollar im Monat. Bei Wework variieren die Gebühren je nach Standort. In den Wework-Büros unweit von „Leuca“ kostet ein Arbeitsplatz in einem Gemeinschaftsraum 475 Dollar im Monat, für einen festen Schreibtisch sind 660 Dollar fällig. Spacious sieht sein Konzept auch gegenüber Cafés wie Starbucks im Vorteil, die ebenfalls für viele Menschen beliebte Arbeitsplätze sind. In den Partnerlokalen finde man immer einen Platz und habe an jedem Tisch Steckdosen. Zudem gebe es kostenlosen Kaffee, wodurch die monatliche Gebühr durch den bei Starbucks eingesparten Kaffee ausgeglichen werde.

          Spacious hat bislang Allianzen mit Restaurants in New York und San Francisco. Die Lokale werden üblicherweise nur tagsüber an Werktagen zu Büros umfunktioniert, im Falle von „Leuca“ von Montag bis Freitag von 8:30 Uhr bis 17 Uhr. Die Abende und das ganze Wochenende sind dem regulären Restaurantbetrieb vorbehalten. Spacious verheißt seinen Partnern, dass sie mit Co-Working in den jeweiligen Zeitfenstern mehr Geld verdienen können als mit Gastronomie. Für viele Restaurants bringt das Untervermieten an Spacious willkommene Zusatzeinnahmen, um ihre Mieten zu finanzieren. Insbesondere dann, wenn sie zu Frühstücks- und Mittagessenzeiten ohnehin nicht allzu viele Gäste haben.

          „Leuca“-Manager Raymond Caprio sagt, die Entscheidung, mit Spacious zusammenzuarbeiten, sei ein „No-Brainer“ gewesen, habe also auf der Hand gelegen. Der Hauptraum, der über 100 Plätze verfügt, sei ohnehin tagsüber nicht genutzt worden und habe somit zu dieser Zeit leergestanden. Das Lokal ist insofern ein Sonderfall, weil es den Restaurantbetrieb nicht ganz einstellt, sondern Gastronomie und Büros nebeneinander existieren. Caprio sagt, im Büroteil seien üblicherweise um die 15 bis 20 Spacious-Mitglieder zur gleichen Zeit. Es handele sich dabei meist um Personen aus der Nachbarschaft, zum Publikum gehörten Künstler ebenso wie Unternehmer. Die Atmosphäre sei konzentriert und friedlich, und niemand fühle sich gestört. Die Co-Worker können ihr eigenes Essen mitbringen. Caprio sieht die Partnerschaft mit Spacious als eine „Win-Win“-Situation. Er gibt allerdings zu, dass es nicht seine Idealvorstellung ist und er am liebsten das ganze Restaurant für Gastronomie nutzen würde, was bei einem Lokal dieser Größe freilich nicht leicht wäre. „Unser Ziel und Zweck ist es an erster Stelle, unsere Gäste zu bewirten.“

          Restaurants sind nicht die einzigen Orte, die für Büros zweckentfremdet werden. Auch im Einzelhandel wird immer mehr Fläche in Büroraum umfunktioniert, und das nicht nur an Werktagen, sondern permanent. Dieser Trend wird von der schlechten wirtschaftlichen Lage vieler Händler befeuert. Das Beratungsunternehmen Jones Lang LaSalle sagt voraus, dass die für Co-Working genutzte Fläche im amerikanischen Einzelhandel bis 2023 jährlich um 25 Prozent steigen wird. Allgemein wird damit gerechnet, dass der Co-Working-Trend sich verstärkt. Die Branchengruppe GCUC erwartet, dass sich die Zahl der Co-Working-Räumlichkeiten auf der ganzen Welt bis zum Jahr 2022 gegenüber 2017 auf 30000 mehr als verdoppeln wird. Und die Zahl der Nutzer von Co-Working-Diensten werde in diesem Zeitraum von 1,7 Millionen auf 5,1 Millionen steigen.

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