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Endlagersuche : ​„Atommüll im Packeis zu entsorgen, ist im Klimawandel keine gute Idee“

Über die Lagerung von radioaktiven Abfällen wird seit Jahrzehnten heftig gestritten. Bild: dpa

Der Geschäftsführer der Bundesgesellschaft für Endlagerung (BGE), Steffen Kanitz, begründet, warum nur die Einlagerung unter der Erde für Sicherheit sorgen kann.

          7 Min.

          Herr Kanitz, wann kommt das erste deutsche Endlager für Atommüll?

          Christian Geinitz

          Wirtschaftskorrespondent in Berlin

          Für schwach- bis mittelradioaktive Abfälle geht das erste Endlager schon 2027 im Schacht Konrad bei Salzgitter in Betrieb. Da geht es um Abfälle aus dem Rückbau von Kernkraftwerken, aus der Forschung und Nuklearmedizin. In Morsleben gibt es schon das Endlager der ehemaligen DDR, das wir sicher stilllegen und verschließen werden.

          Und für hochradioaktive Stoffe?

          Da sprechen wir vor allem von abgebrannten Brennelementen. Die machen zwar nur 10 Prozent des gesamten Abfalls aus, sind aber für 99 Prozent der Strahlung verantwortlich. Am Montag legen wir unseren Zwischenbericht für die Suche nach Teilgebieten vor. Dann folgt ein langer Auswahlprozess, bis 2031 ein Standortvorschlag für das Endlager vorliegen soll. 2050 soll es in Betrieb gehen.

          Und dann sind alle nuklearen Abfälle unter der Erde?

          Nein, das wird erst der Beginn sein. Bis das Endlager verschlossen werden kann, dauert es sicher noch einmal 30 bis 40 Jahre. Wir sprechen also vom Ende des Jahrhunderts. Wichtig ist für uns, dass wir dann ein wartungsfreies Endlager haben, um das sich spätere Generationen nicht kümmern müssen. Aber sie können an die Abfälle heran, wenn sie zum Beispiel bessere Techniken oder Erkenntnisse haben. Wir haben den Auftrag, eine Bergbarkeit für 500 Jahre sicherzustellen. So lange müssen die Behälter stabil bleiben, wiederauffindbar und anfassbar sein.

          Wie groß ist die Menge des hochradioaktiven Mülls?

          Wenn Deutschland Ende 2022 aus der Kernkraft aussteigt, werden insgesamt 1900 Castor-Behälter angefallen sein. Die sind sechs Meter hoch und drei Meter breit. Es geht um rund 27.000 Kubikmeter, dafür brauchen wir also einen 30 mal 30 mal 30 Meter großen Raum.

          Gar nicht so gewaltig…

          Das hängt natürlich auch mit der Wiederaufbereitung zusammen. Zum Beispiel ist das besonders gefährliche Plutonium nicht mehr dabei. Aber der Rest ist kompliziert genug, und dafür brauchen wir ein verlässliches Endlager.

          Wie lange soll der Müll dort bleiben?

          Bis in alle Ewigkeit. Das Endlager ist für eine Million Jahre ausgelegt. Das klingt unfassbar lang, ist es aber erdgeschichtlich nicht. Unsere Erde ist 4600 Millionen Jahre alt. Aber klar ist, dass nur die tiefengeologische Einlagerung, also untertage, solche Zeiträume garantiert. Überirdische Betonbauten wären völlig ungeeignet.

          Wonach haben Sie die Teilgebiete ausgewählt, die sie am Montag präsentieren werden?

          Wegen der langen Zeiträume brauchen wir erdgeschichtlich abgeschlossene Gesteinsformationen, die sich nicht mehr verändern. Als so genannte Wirtsgesteine kommen Salz-, Ton- und kristalline Formationen in Frage, zum Beispiel Granit. Zum Ausweisen der Teilgebiete haben wir vorhandene Daten genutzt, etwa aus der Rohstoffförderung, und alle nicht geeignete Gebiete ausgeschlossen.

          Wann ist ein Gebiet nicht geeignet?

          Wenn es dort zum Beispiel Vulkanismus oder Erdbeben gibt. Auch ein alter Bergbau ist nicht geeignet, weil dort die geologische Barriere vorgeschädigt sein kann. Die Tiefe, die wir brauchen, muss mindestens 300 Meter betragen, und die geeignete Gesteinsschicht muss mindestens eine Mächtigkeit von 100 Metern haben. Das sind die  Mindestanforderungen. 

          Wie viele Teilgebiete sind am Ende übrig geblieben und stehen jetzt in Ihrem Zwischenbericht?

          Eine hohe zweistellige Zahl. Die Flächen sind je nach Wirtsgestein mindestens drei, sechs oder zehn Quadratkilometer groß.

          Angeblich stehen auf Ihrer Liste auch Großstädte wie Dresden oder Hannover. Ist das Ihr ernst, dass man dort ein Endlager bauen könnte?

          In diesem ersten Schritt achten wir nur auf die geologische Sicherheit. Die Frage, was an der Oberfläche passiert, spielt keine Rolle für die Langzeitsicherheit. Die Überlegung, wie sich Siedlungsstrukturen oder Naturschutzgebiete innerhalb von einer Million Jahren entwickeln, kommt erst später in einem Abwägungsprozess zwischen gleich gut geeigneten geologischen Formationen zum Tragen.

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