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Golf und Geschäfte : Ausgelocht

  • -Aktualisiert am

SAP-Gründer Dietmar Hopp, 76, hat seinen eigenen Golfplatz. Junge Manager sind dort seltener zu finden. Bild: Jens Hartmann

Golf und Manager – das war lange ein unzertrennliches Pärchen. Doch die Zeiten haben sich geändert. Geschäfte auf dem Grün macht heute kaum einer mehr.

          Altes Gemäuer, Wald und viel saftiges Grün – diese Idylle empfängt den gestressten Besucher aus der Großstadt, wenn er in die Auffahrt zum Gut Neuhof bei Dreieich nahe Frankfurt abbiegt. Der Golfclub schließt sich am 500 Jahre alten Gutshof an, im Innenhof stehen Golfcarts bereit. Das Clubhaus ist ein umgebauter und denkmalgeschützter Schafstall mit Gastronomie im Dach, an das sich eine großzügige Terrasse anschließt. Die Menschen dort haben eine gesunde Hautfarbe, tragen ordentliche Kleidung und wirken entspannt. Ein schöner Platz Erde, mag man denken, hier ist die Welt noch in Ordnung, es herrschen Friede und Etikette. Gleichzeitig ist das genau die Golfclub-Atmosphäre, wie sie sich Außenstehende vorstellen. Eine Atmosphäre, in der sich die Elite trifft und abgeschottet von der Masse Geschäfte macht, ihr Netzwerk pflegt.

          Das ist das Bild, das laut einer Umfrage des Deutschen Golf Verbandes viele Nichtgolfer im Kopf haben, wenn sie an den Sport denken. Vor allem die Clubs mit ihren hohen Mitgliedsbeiträgen, der nicht selten fünfstelligen Aufnahmegebühr und der Platzreife als Ausgangsvoraussetzung haben zu diesem Image beigetragen. Das war lange Zeit durchaus gewollt. Anfang der Nullerjahre, so Schätzungen, spielten etwa die Hälfte aller Manager Golf.

          Doch diese Beziehung ist nun zerrüttet, die Liebe der Manager, Banker und Berater zu ihrem Lieblingssport erkaltet. Ja, es wird unter ihresgleichen sogar schick, über das zu spotten, was früher so schick war: „Ich habe doch Wichtigeres zu tun, als Golf zu spielen“, „Ich bin zu jung für den Golfplatz“ – solche Gehässigkeiten sind heute zu hören, was sich in den Zahlen der Golfausrüster niederschlägt: Mit dem einstigen Elitesport ist heute nicht mehr viel zu holen, Adidas wie Nike dampfen die Aktivitäten in dem Bereich ein. Cool ist heute was anderes.

          Aufstieg in den 80er Jahren

          In den 80er Jahren hatte Golf seinen Aufstieg in Deutschland genommen, nicht zuletzt dank der Erfolge von Bernhard Langer. Die Zahl der Golfspieler stieg rasant an, vor allem erfolgreiche Geschäftsleute entdeckten den Sport für sich. Die gemeinsamen Runden auf dem Platz boten eine ideale Möglichkeit, das Netzwerk auszubauen, in der Natur Geschäfte anzubahnen und – wenn es ganz gut lief – sogar den ein oder anderen Deal zum Abschluss zu treiben. Beim Golf, so heißt es, lernt man seine Mitspieler kennen – und zwar sämtliche Charakterzüge. In den vier bis fünf Stunden, die für eine 18-Loch-Runde nötig sind, zeigen die Leute früher oder später ihr wahres Gesicht. Die Altvorderen unter den Topmanagern, Männer wie Linde-Aufsichtsratschef Wolfgang Reitzle oder die SAP-Mitgründer Hasso Plattner und Dietmar Hopp, sind Aushängeschilder für diese Zeit.

          Reitzle beeindruckt mit seinem sagenhaften Handicap von 6, die anderen beiden Topmanager haben sich sogar eigene Golfplätze bauen lassen.Plattner kaufte sich 1994 eine Anlage in Südafrika, Hopp gründete 1996 den Golfclub St. Leon-Rot und ließ sich später in Südfrankreich an der Côte d’Azur zwei weitere Plätze anlegen. Die heutige Manager-Generation hat andere Vorlieben, auf dem Golfplatz findet man sie eher selten, wie insgesamt die Zahl der deutschen Golfspieler stagniert. Das Durchschnittsalter steigt, der zahlungskräftige Nachwuchs bleibt aus.

          Neue Regelungen als Lustkiller

          Ein Lustkiller sind die zunehmend schärferen Compliance-Regelungen in den Unternehmen. Im Frühjahr hat die britische Finanzaufsicht explizit vor Golf-Einladungen an Geschäftspartner gewarnt, auch in Deutschland machen die Konzerne ihren Mitarbeitern sehr konkrete Vorgaben. Sich also mal eben mit einem potentiellen Geschäftspartner zu einer Partie zu verabreden ist heute mit einem Risiko verbunden. Compliance-Verstöße können strafrechtliche Konsequenzen haben. Die Folge: Es kommen längst nicht mehr so viele Einladungen zustande wie früher. „Der Anschein der Vorteilnahme soll gar nicht erst entstehen“, sagt Thomas Kirstan, Compliance-Experte bei der Unternehmensberatung Deloitte. „Im Zweifel nimmt man eine Einladung zum Golfspielen lieber nicht an.“

          Gemeinsames Schwitzen in exklusiven Räumlichkeiten: Trend zum Elite-Fitnessstudio.

          Doch nicht nur die Aufsichtsbehörden funken der Liebe zwischen Golf und Managern dazwischen. Auch die veränderten Ansprüche in der Arbeitswelt lassen das Traumpaar entfremden. Wer weltweit erfolgreich sein will, muss reisen, viel mehr als früher. Damit fehlt ein für Golfer sehr wichtiger Faktor: die Zeit. „Der Job und das damit verbundene Reisen spannen Manger so ein, dass sie nicht mehr zum Golfspielen kommen“, sagt Michael Ensser, Deutschland-Chef der Personalberatung Egon Zehnder.

          In einen Arbeitstag noch vier oder fünf Stunden Golf – zuzüglich der Anreise zum Platz – zu quetschen ist nicht mehr drin. Zusätzlich sorgt die geforderte Flexibilität im Job naturgemäß auch für gewisse Bindungsängste an teure Golfclubs. Wer möchte schon vierstellige Jahresbeiträge investieren, wenn er es höchstens zwei, drei Mal in der Saison auf den Platz schafft?

          Exklusive Fitnessstudios im Trend

          Das heißt jedoch nicht, dass die Führungskräfte von heute auf der faulen Haut liegen, ganz im Gegenteil. Fitness spielt eine immens wichtige Rolle in ihrem Alltag, nur tun sich unkomplizierte Alternativen zum Golf auf. Mittlerweile gibt es in jeder größeren Stadt sehr teure und exklusive Fitnessstudios mit Wellnessbereich. Und diejenigen, die lieber alleine ihrem Sport nachgehen, schnüren einfach die Laufschuhe und drehen ein paar Runden. Das geht immer und überall. Je nach Ambitionen taugen Halb- oder Marathonzeiten im Zweifelsfall genauso gut als Leistungsausweis wie das einstellige Golf-Handicap.

          Das passt auch besser zu den neuen Vorlieben der jungen Generation, deren Prioritäten sich im Vergleich zur älteren Managergarde verschoben haben. Familie steht ziemlich weit oben, und die Rollen sind nicht mehr so klassisch verteilt wie früher: Der Mann verdient, die Frau kümmert sich um die Kinder und den Haushalt, so war es immer. Und wenn der Mann noch meinte, im Sinne des Geschäfts sei es besser, noch eine Runde auf dem Golfplatz zu drehen, dann wurde das zumindest vordergründig akzeptiert. Heute ist das für viele, vor allem junge Manager undenkbar, geht die Herzensdame doch oft einer eigenen Karriere nach. So müssen die Haushaltspflichten geteilt werden.

          Zudem ist dem modernen Manager die Familie Ausgleich zum stressigen Job, der dann nicht mehr als der ultimative Lebensinhalt gilt. „Man geht Leuten eher aus dem Weg, die auch beim Sport noch das Geschäft im Blick haben und einem Visitenkarten zustecken“, sagt Personalberater Ensser. Das bedeutet, dass diese Manager immer weniger Lust verspüren, nach einem harten Arbeitstag auch noch mit Kollegen oder Geschäftspartnern die spärliche Freizeit zu verbringen.

          Hauch von Silicon Valley im eigenen Haus

          Vor allem bei einer bestimmten, relativ neuen Gruppe von Jungmanagern hat Golf einen schweren Stand. Diese Gruppe ist in den vergangenen Jahren entstanden, ihre Mitglieder legen eine völlig andere Karriere hin als ihre Kollegen in der etablierten Geschäftswelt. Diese neue Welt, das ist die Start-up-Branche. Viele der Gründer sind oft noch sehr jung und haben im Falle eines schnellen Erfolges schon beachtliche Verantwortung für Firmen, in die Millionen investiert werden und die Menschen einen Job bieten. Ihr Umfeld ist ein komplett anderes als das der etablierten Manager in Familienunternehmen oder Großkonzernen. Das Milieu ist meistens urban, verankert in der Kultur- und Kreativszene – Orte also, die meilenweit vom Golfplatz entfernt sind. Berufliche und private Netzwerke dieser jungen Manager sind oft vermischt, aus Studienfreunden werden schnell Geschäftspartner. In der Gruppe gibt es unterschiedliche Geschwindigkeiten: Während die einen ihre Ideen schon in wirtschaftlichen Erfolg umwandeln konnten, leben die anderen noch in ungesicherten Verhältnissen. Durch diese Durchmischung wird der Status weniger im klassischen Sinne definiert, sondern viel mehr an Innovation und Kreativität gemessen. Und da sich auch viele der etablierten Unternehmen gerne einen Hauch von Silicon Valley ins eigene Haus holen wollen, um den Anschluss an die digitale Welt nicht zu verlieren, müssen sie sich zwangsweise zum Netzwerken an diese neuen Schauplätze begeben. Wer Kontakt mit solchen Leuten sucht, der findet ihn eher nicht auf dem Golfplatz, der in dieser Szene als spießig und langweilig gilt.

          Dem Mitgliederschwund entgegenwirken: Golfclubs setzen auf Jugendförderung.

          Diese Gemengelage führt dazu, dass die verbleibenden Golf-Liebhaber unter den Managern sich in ihren Clubs nun mit einer Entwicklung konfrontiert sehen, die nicht allen gefällt. Weil der zahlungskräftige Nachwuchs ausbleibt, kommen die Golfclubs in arge Bedrängnis und sind gezwungen, sich neue Strategien auszudenken, um zu überleben. Eine zentrale Idee ist es, das Eliten-Image loszuwerden. Das hat der Deutsche Golf Verband in seinem „Programm 2018“ festgehalten. Golf soll als moderne, offene und sympathische Sportart rüberkommen. Das ist auch das Ziel im Golfclub Neuhof. „Wir wollen weg vom elitären Image und den Club für die ganze Breite der Gesellschaft öffnen“, sagt Clubpräsident Wolfgang Dambmann. Entsprechende Maßnahmen wurden bereits in die Wege geleitet. Die bisher hohen Aufnahmehürden sind abgebaut, Mitgliedschaften flexibler und günstiger, auch mit Schulen gibt es Projekte. Der Abwärtstrend bei den Mitgliedszahlen konnte so gestoppt werden. So oder ähnlich ist es auch andernorts zu beobachten. Diese neue Offenheit führt allerdings dazu, dass diejenigen, die ihre Golfclubs als exklusiven Rückzugsort unter Gleichen gesehen haben, sich nun mit ganz anderen Gesellschaftsgruppen konfrontiert sehen. Nicht jeder ist darüber erfreut. Da wird Kindern Ruhestörung vorgeworfen, und auch den Platz würden sie kaputt hauen. Auch gibt es Unmutsäußerungen, als erfahrener Golfspieler mit Anfänger spielen zu müssen. Neue exklusive Orte zum Netzwerken sind deshalb gefragt, wie zum Beispiel Jagdgesellschaften oder Polo-Turniere. Da kann auch die Familie und der Hund mit, der Sport wird zum Familienausflug deklariert. Die Zeit der verschlossenen Türen bei den Golfclubs ist jedenfalls vorbei. Und damit auch das Geschäftemachen auf dem Golfplatz.

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