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Volkswirt Wagner im Gespräch : Wie geht es den Deutschen wirklich?

Bester Laune: Fußballfans beim Public Viewing in Frankfurt während der EM 2016. Bild: Etienne Lehnen

Gert Wagner hat rund 30 Jahre lang die Menschen in Deutschland ausgefragt. Jetzt zieht der Volkswirt Bilanz über den Zustand des Landes – mit interessanten Ergebnissen.

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          Herr Wagner, geht es uns heute besser als in den 80er Jahren?

          Patrick Bernau

          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft und „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Ja. Wenn man auf die Lebenszufriedenheit schaut, ist die heute höher, als wir sie je gemessen haben. Der Vergleich ist freilich ein wenig schwierig, weil Deutschland noch nicht wiedervereinigt war und wir nur die Leute im Westen erreicht haben. Aber es geht heute den Menschen in Deutschland insgesamt besser, als es den Menschen Mitte der 80er Jahre ging.

          Ernsthaft?

          Ja! Das liegt vor allem daran, dass die Arbeitslosigkeit inzwischen so niedrig ist. Denn Arbeitslosigkeit ist das Ereignis, das Menschen am stärksten unzufrieden macht – wenn man mal von Krankheiten absieht. Die Arbeitslosigkeit verändert sich, das ist ein wichtiger Punkt.

          So klingt es in der Öffentlichkeit selten.

          Ich habe den Eindruck, dass das auch an Ihrer Branche liegt und viele Journalisten ihre schlechteren beruflichen Bedingungen auf die ganze Republik projizieren – zumindest ist ihre Situation heute schlechter als die der Journalisten im öffentlich-rechtlichen Rundfunk der 60er oder 70er Jahre. Aber wahr ist: Es gibt nicht nur die Lebenszufriedenheit, sondern auch viele andere Zahlen, über die man streiten kann.

          Zum Beispiel?

          Wie man die Entwicklung der Einkommensverteilung beurteilt, ist eine ganz schwierige Frage. Die ist seit der ersten Umfrage 1984 etwas ungleicher geworden, allerdings nicht dramatisch. Wir befragen ja nicht nur die Deutschen, nach denen Sie am Anfang gefragt haben, sondern alle Menschen, die in Deutschland leben. Der Anteil der Migranten ist seit 1984 enorm gestiegen, nicht nur von frischen Migranten, sondern auch die zweite und dritte Generation. Das spielt auch eine Rolle dafür, dass die Einkommensverteilung ungleicher geworden ist . . .

          . . . und die Armut immer weiter um sich greift?

          Nein. Man findet zwar immer noch Überschriften, die sagen: Die Armut in Deutschland steigt weiter an. Es gibt aber keine einzige Erhebung in Deutschland, die das wirklich in einem dramatischen Umfang zeigt. Es gibt ein Hin und Her, das meistens statistisch nicht signifikant ist. Die Armut wird aber steigen, wenn erst mal alle Geflüchteten in eigenen Haushalten leben, weil es dann mehr Haushalte mit geringem Einkommen gibt.

          Jetzt müssen Sie uns Ihre Umfrage erklären. Woher wollen Sie das alles wissen?

          Unsere Umfrage, das Sozio-oekonomische Panel, ist eine repräsentative Erhebung, die am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung organisiert wird. Das Besondere daran: Wir versuchen, immer wieder dieselben Leute zu treffen, so dass man individuelle Entwicklungen beobachten kann. Man kann zum Beispiel schauen, ob immer wieder die selben Leute vom Einkommen her arm sind oder ob das wechselt. Und es sind zu viele Leute immer wieder arm, aber bei weitem nicht alle. Die Fluktuation ist enorm.

          Wie viele Leute befragen Sie?

          Wir brauchen viele Befragte, damit wir auch über kleine Gruppen belastbare Aussagen treffen können. Deshalb haben wir 1984 schon mit 12.500 Erwachsenen begonnen, inzwischen sind es mehr als 30.000. Wir haben auch viele Geflüchtete dabei. Das SOEP hat von Anfang an Wert auf Zuwanderer gelegt. In den 80er Jahren war das ganz außergewöhnlich, dass man sich um Menschen mit ausländischem Pass bemühte. In den klassischen Wahlumfragen sind sie nach wie vor nicht drin, weil sie nicht wählen dürfen.

          Gerade die Wahlen geben uns aber ein großes Rätsel auf: Wenn die Deutschen so zufrieden sind, warum bekommt die AfD dann trotzdem so viele Stimmen? Warum äußert sich so viel Unzufriedenheit?

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