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Volkswirt Wagner im Gespräch : Wie geht es den Deutschen wirklich?

DIW-Chef Fratzscher hat da eine klare Position und sagt, dass Ungleichheit das Wachstum schwäche.

Ich bewerte die vorhandenen Studien so, dass die beobachteten Veränderungen der Ungleichheit in der entwickelten Welt faktisch so gering sind, dass man gar keinen großen Effekt messen kann.

Lassen Sie uns über Werte sprechen. Wissen Sie denn, ob die Werte der Deutschen tatsächlich so verfallen, wie es oft heißt?

Nein. Heute dominiert in Deutschland der gleiche Wert wie in den 50er Jahren und zuvor: die Familie.

Auch wenn nach Scheidungen Eltern von ihren Kindern getrennt leben, wenn Homosexuelle heiraten dürfen und Kinder großziehen?

Es gibt neue Verhaltensweisen, aber die Familie bleibt zentral. Gerade das Beispiel, wenn zwei Männer ein Kind großziehen, das zeigt ja, wie wichtig ihnen Familie ist.

Bild: F.A.Z.

Die Gesellschaft individualisiert sich, man guckt nicht mehr die gleichen Sendungen, man trifft sich seltener, die Milieus streben auseinander.

Die Leute gehen seltener in die Kirche – wenn man so will, ist das ein Werteverfall. Wir sehen auch, wie sich die Freizeitbeschäftigungen ausdifferenzieren. Und vor allem sehen wir, wie viel am Wochenende gearbeitet wird. Das ist auch ein ganz banaler Grund für schwindenden Zusammenhalt. Vielleicht wäre es gar nicht so schlecht, wenn Arbeitgeber und Gewerkschaften eine Woche des Jahresurlaubs in fünf Feiertage umwandeln würden, um einen Anreiz für mehr Gemeinsamkeit zu setzen.

Was müsste man denn sonst dafür tun, damit es den Menschen in Deutschland besser geht?

Mittel- und langfristig ist es am wichtigsten, die Kinder von bildungsfernen Eltern besser mitzunehmen. Das gilt insbesondere für die Kinder von vielen Zuwanderern und insbesondere auch von Geflüchteten. Das hilft, um die Leute zufriedener zu machen. Und nebenbei spricht einiges dafür, dass das sogar für das Wirtschaftswachstum gut wäre.

Aber wie?

Zuwanderer müssen die Sprache lernen. Vielleicht wäre eine Vorschulpflicht das Beste, weil man dann die Kinder erreicht, die auch bei guten Angeboten nicht in die Vorschule geschickt werden. Weil das Geld spart. Oder aus kulturellen Gründen: weil die Eltern nicht wollen, dass die Kinder in eine religiös nicht passende Einrichtung geschickt werden. Oder weil die Eltern die Vorstellung haben, dass sich die Mutter um die Kinder kümmern muss.

Und wie hilft man den Erwachsenen?

Erwachsene Geflüchtete müssen möglichst schnell erwerbstätig werden, auch dann schon, wenn noch gar nicht entschieden ist, ob sie auf Dauer bleiben dürfen.

Und für die Erwachsenen, die schon länger in Deutschland sind?

Wenn man ehrlich ist, kann man für die nicht mehr so sehr viel tun. Wer nicht in der Schule gelernt hat zu lernen, für den wird es als Erwachsener sehr schwer, auf dem Arbeitsmarkt zurechtzukommen. Das gilt auch für Deutsche.

Sie sind zum Jahresende aus Altersgründen aus dem Vorstand Ihres Instituts ausgeschieden. Was machen Sie jetzt?

Ich bleibe als Wissenschaftler aktiv und forsche überwiegend am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung darüber, wie sich die Risikoeinstellung von uns allen entwickelt. Das ist wichtig für ganz viele Fragen: etwa ob bildungsferne Eltern ihre Kinder auf eine höhere Schule schicken. Oder ob man sich selbständig macht. Da haben wir schon gelernt: Gründer mit hoher Risikofreude scheitern oft. Erfolgreiche Unternehmer sind Leute mit einer mittleren Risikoeinstellung.

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