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Volkswirt Wagner im Gespräch : Wie geht es den Deutschen wirklich?

Es gab schon immer einen Anteil von 20 Prozent Unzufriedenen. Heute gibt es mit der AfD eine in den Augen vieler Menschen legitime Plattform, das auf dem Wahlzettel auszudrücken.

Warum erreicht die SPD diese Leute nicht?

Das ist eine interessante Frage. Wenn ich die beantworten könnte, hätte ich der SPD schon geholfen.

Der Volkswirt Gert Wagner war seit 1989 Direktor des Sozio-oekonomischen Panels.
Der Volkswirt Gert Wagner war seit 1989 Direktor des Sozio-oekonomischen Panels. : Bild: Matthias Lüdecke

Sie gelten immerhin als SPD-nah.

Falsch. Ich bin Mitglied! Ich habe mir allerdings zunehmend Mühe gegeben, Wissenschaft und persönliche Einstellungen auseinanderzuhalten. In meinen politischen Aussagen bin ich im Vergleich zu einigen Kollegen zurückhaltend, meine ich.

Gönnen Sie uns trotzdem eine Analyse. Die SPD hat inzwischen in allen Milieus nur noch rund 20 Prozent, auch bei den Armen. Warum hat Martin Schulz’ Gerechtigkeitswahlkampf nicht gezogen?

Gerechtigkeit ist ein schwieriges Wort. Als ich Kind war, hieß es immer: „Gerechtigkeit gibt es nicht auf dieser Welt“. Martin Schulz hat sich trotzdem gedacht, dass man mit diesem Begriff viele Wähler gewinnen kann. Aber wenn man ein bisschen darüber nachdenkt, will man wissen, wie er tatsächlich für Gerechtigkeit sorgen will. Da hat er nicht nachgelegt. Es wäre dann auch kontrovers geworden. Schließlich gibt es Leute, die die Leistungsgerechtigkeit in den Vordergrund schieben und die Steuern senken wollen – und andere, die die Bedarfsgerechtigkeit besonders wichtig finden und die Hartz-IV-Sätze erhöhen wollen. Keine Partei kann all diese Vorstellungen gleichzeitig erfüllen.

Wie wäre es mit Chancengerechtigkeit? Gleiche Chancen für alle, kann man sich nicht darauf einigen?

Das halten auf den ersten Blick alle für gut, Ökonomen ganz besonders. Aber Chancengerechtigkeit ist politisch leider kein Gewinnerthema. Wenn Mittelschichtseltern „Chancengerechtigkeit“ hören, dann verstehen sie: Die Konkurrenz für unsere Kinder wird größer. Vor dem Abstieg der Kinder hat die obere Hälfte der Bevölkerung besonders Angst. Das kann man leicht daran erkennen, wie der Anteil von Schülern an Privatschulen gestiegen ist.

Bild: F.A.Z.

Warum hat die Mittelschicht so viel Angst?

Die meisten in der oberen Mitte sind Bildungsaufsteiger. Für die meisten von uns stehen ja keine sehr großen Vermögen im Hintergrund, die einen absichern.

Ist die Mitte denn tatsächlich so gefährdet?

Nein. Menschen fallen kaum von oben nach unten. Es gibt natürlich immer Bewegung in der Mittelschicht, aber die meisten fallen nicht tief.

Sie teilen nicht den Eindruck des Präsidenten Ihres Institutes, Marcel Fratzscher, dass die Ungleichheit wächst und die Mittelschicht der große Verlierer in Deutschland ist?

Sie sagen ja selbst: Das ist sein Eindruck, also seine Bewertung der Zahlen. Bewertungsfragen haben nichts mit Wissenschaft zu tun, und deswegen kann es in einem Forschungsinstitut auch Unterschiede geben. Sollte es sogar.

Und was sollen wir von solchen Meinungsverschiedenheiten halten?

Ganz einfach: Dass es Meinungsverschiedenheiten sind. Auch Wissenschaftler haben Meinungen. Und wir Wissenschaftler müssen das deutlich machen und zudem zugeben, dass wir vieles nicht wissen. Aus meiner persönlichen Erfahrung heraus kann ich nur sagen: Wer in der Politik ernst genommen werden will, sollte öfter mal ,Das weiß ich nicht‘ sagen. Zum Beispiel: Stärkt oder schwächt Ungleichheit das Wachstum in der entwickelten Welt? Eine spannende Frage, aber wir sollten zugeben, dass wir als Wissenschaftler die Antwort nicht kennen.

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