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Geringe Impfnachfrage : Schweinegrippe kostet Länder 400 Millionen Euro

Die Impfunlust der Deutschen kommt die Länder teuer zu stehen Bild: dpa

Die Schweinegrippe wird für die Länder zunehmend zu einer finanziellen Belastung. Die Bundesländer bleiben auf Impfstoffdosen sitzen, weil die Deutschen sich nicht immunisieren lassen. Nun suchen Bund und Länder eine Lösung mit dem Impfstoffhersteller Glaxo-Smith-Kline.

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          Die Schweinegrippe wird für die Länder zunehmend zu einer finanziellen Belastung. Mittlerweile steht der Impfstoff bereit, aber zu wenige wollen ihn haben. Dabei ist es noch keine acht Wochen her, dass Bundesgesundheitsminister Philipp Rösler (FDP) die Bundesbürger mahnte, nicht so zu drängeln: Kranke, Gefährdete und Hilfspersonal zuerst, dann sollten sich bitte die Übrigen anstellen, für eine Impfung gegen das A/H1N1-Virus. Mit der Autorität des Arztes hatte der Minister zuvor eindringlich für die Immunisierung gegen den Überträger der neuen Grippe geworben. Nun appellierte er, es solle bloß „nicht jeder sofort zur Impfstelle rennen“.

          Andreas Mihm

          Wirtschaftskorrespondent in Berlin.

          Christian Schubert

          Wirtschaftskorrespondent in Paris.

          Roland Lindner

          Wirtschaftskorrespondent in New York.

          Denn ihm und den Ländergesundheitsministern war darum bange, überhaupt genug Impfstoff zur Verfügung zu haben. Dazu passte, dass Bund und Länder die Geschäftsführung des Impfstoffherstellers Glaxo-Smith-Kline (GSK), der das Serum gegen die Schweinegrippe in Dresden herstellt, nach Berlin einbestellten. Der versprach die Zahl der ausgelieferten Impfdosen zu steigern. 20 Millionen sollten bis Ende Dezember ausgeliefert werden.

          Wer soll das bezahlen?

          Doch da wollten die zuvor von Todesfällen und fetten Schlagzeilen aufgeputschten Bürger schon nichts mehr von der Impfung wissen. Wie viele Dosen gegen A/H1N1 in Deutschland bisher geimpft wurden, können auch Fachleute nur schätzen. Vielleicht sind es sechs Millionen. Bestellt hatten die Länder 50 Millionen Dosen (damals wusste man noch nicht, dass auch eine einzige Impfung ausreicht). Geschätzte Kosten je Impf-Piekser: 15 Euro, davon 9 für das Serum. Jetzt kreist die Debatte um die Fragen: Wer soll das bezahlen? Was tun mit dem nicht benötigen Impfstoff? Deutschland steht da nicht alleine. In Frankreich und Amerika erregt man sich auch darüber.

          In den Vereinigten Staaten herrscht mittlerweile kein Mangel mehr an Impfstoff. Nach jüngsten Angaben der Gesundheitsbehörde Centers for Disease Control and Prevention hat die Regierung 111 Millionen Impfstoffdosen ausgeliefert bekommen, aber nur 60 Millionen Amerikaner haben sich impfen lassen. Insgesamt hat die Regierung sogar die Anschaffung von 250 Millionen Dosen vereinbart. Die Regierung will mehr Amerikaner zu Impfungen bewegen und hat entsprechende Kampagnen gestartet.

          Im Moment übersteige das Angebot an Impfstoff wahrscheinlich die Nachfrage, sagte Medizinvorstand Troyen Brennan von der amerikanischen Drogeriekette CVS Caremark dem „Wall Street Journal“. Im Herbst hatte die Regierung noch Schwierigkeiten, Impfungen in ausreichenden Mengen bereitzustellen, vor den eigens eingerichteten Impfzentren bildeten sich lange Schlangen. Die Impfstoffe wurden zunächst auf Risikogruppen beschränkt, Kinder, Schwangere und Menschen mit chronischen Krankheiten. Die Knappheit des Impfstoffes hatte für einen öffentlichen Aufschrei gesorgt und zu Anhörungen im Kongress geführt. Mittlerweile hat sich der Versorgungsnotstand entschärft, die Restriktionen auf bestimmte Gruppen wurde aufgehoben. Heute ist der Impfstoff sogar in Supermarktketten wie Wal-Mart verfügbar, die Ambulanzkliniken in ihren Geschäften haben.

          Frankreich sucht Käufer im Ausland

          Frankreich hat besonders viel ungenutzten Impfstoff und versucht nun, diesen ins Ausland zu verkaufen. Für die 63 Millionen Einwohner hatte die Regierung 94 Millionen Dosen bestellt; davon sind bisher aber nur weniger als 5 Millionen Dosen gespritzt worden. Hinzu kommen 2 Milliarden Masken und große Mengen Tamiflu, die laut Experten einem Drittel des weltweiten Bestandes entsprechen. Das Präparat Tamiflu soll im Falle der Erkrankung heilen helfen. Die Regierung verteidigt sich mit dem Hinweis, dass die internationalen Behörden bis zum 20. November eine Doppelimpfung empfohlen hätten. Die Opposition fordert schon einen Untersuchungsausschuss. Unter Druck geraten, erklärte Gesundheitsministerin Roselyne Bachelot am Montag im Fernsehen, die Regierung habe den Kauf von 50 Millionen Dosen Impfstoff storniert. Damit wolle sie 350 Millionen Euro sparen.

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