https://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/geplatzte-immobilienblase-steht-spanien-wie-irland-vor-dem-offenbarungseid-11775314.html

Geplatzte Immobilienblase : Steht Spanien wie Irland vor dem Offenbarungseid?

Hier geht nichts mehr voran: Bauruine in Madrid

Hier geht nichts mehr voran: Bauruine in Madrid Bild: Röth, Frank

Der Internationale Bankenverband schätzt den Vorsorgebedarf spanischer Banken auf bis zu 260 Milliarden Euro. Die Risiken aus der geplatzten Immobilienblase könnten das Land erdrücken. Vieles erinnert an die Entwicklung in Irland.

          4 Min.

          Wenn ein Ministerpräsident öffentlich verkündet, sein Land stünde „nicht am Abgrund“, dann wirkt das nicht unbedingt vertrauenerweckend. Spaniens Regierungschef Mariano Rajoy versuchte noch am Wochenende, auf diese Weise besorgte Anleger zu beruhigen. Jetzt schlug Finanzminister Cristóbal Montoro einen anderen Ton an. Die Tür zum Kapitalmarkt sei geschlossen, sagte er im Radio. Heißt dies, dass sein Land der nächste Kandidat für ein Hilfskredite-Programm wird? Montoro verneinte das energisch - und fügte hinzu: „Eine Rettung Spaniens ist technisch unmöglich.“ Gemeint war offenbar, das Land sei für jeden Rettungsfonds zu groß. Für die Banken indes braucht es Hilfe.

          Absturz der Musterschüler

          Philip Plickert
          Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in London.
          Markus Frühauf
          Redakteur in der Wirtschaft.

          Manchen Beobachter erinnert die Entwicklung an den Fall Irlands. Das Land musste vor anderthalb Jahren unter einen EU-IWF-Rettungsschirm schlüpfen. Es gibt tatsächlich Parallelen zwischen beiden Ländern: In den guten Jahren bis 2008 erlebten sie einen gewaltigen Bauboom, der durch günstige Zinsen und ausländischen Kredit getrieben wurde. Die Wirtschaft wuchs, die Löhne stiegen stark, Staatsdefizite und Schulden waren niedrig. Viele Jahre galten Irland und Spanien als ökonomische und fiskalische Musterschüler. Der „keltische Tiger“ hatte 2007 eine Schuldenquote von lediglich 25 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP), in Spanien waren es 36 Prozent.

          Als aber die Blase platzte, brach das Unheil los. Irlands Banken erlitten schon in der ersten Welle der Finanzkrise nach der Lehman-Pleite im Herbst 2008 gewaltige Verluste, immer mehr Kredite wurden notleidend. Spanien hielt sich dabei besser, weil seine Bankenaufsicht allzu riskante Geschäfte untersagt hatte. Anfang 2009 musste Dublin drei kollabierende Banken stützen. In einem einzigen Jahr stieg so das Staatsdefizit auf fast ein Drittel des BIP, während die Wirtschaft in der Rezession schrumpfte. Irlands Schuldenquote stieg sprunghaft. 2011 hat sie sich auf 108 Prozent des BIP mehr als vervierfacht, nachdem sich die faulen Kredite durchs System gefressen hatten.

          Wunsch nach europäischem Geld

          Droht Spanien ein ähnliches Schicksal? Die Schuldenquote erscheint bislang noch niedrig. Im vergangenen Jahr stieg sie von 61 auf 67,5 Prozent des BIP und lag damit weit unter dem Euroraum-Durchschnitt. Dennoch wachsen die Sorgen, weil das Land sich in einer tiefen Rezession befindet und niemand genau weiß, wie viele faule Kredite die Banken, vor allem die regionalen Sparkassen, in ihren Büchern haben. Die möglicherweise gigantischen Kapitallöcher der Kreditinstitute sind kurzfristig das größte Risiko. Bankia, die viertgrößte Bank des Landes, meldete vor vier Wochen erst 4 Milliarden Euro Kapitalbedarf, dann schnellte die Zahl auf 19 und schließlich sogar 23 Milliarden Euro nach oben. Emilio Botín, Präsident der Santander Bank, schätzt die zur Bankenrettung benötigten Mittel auf 40 Milliarden Euro - und fordert EU-Hilfe. Auch Finanzminister Montoro wünscht europäisches Geld für die Banken.

          Irland und Spanien im Vergleich
          Irland und Spanien im Vergleich : Bild: F.A.Z.

          Die Analysten von Goldman Sachs schätzen den Kapitalbedarf für die acht größten börsennotierten Banken Spaniens auf knapp 44 Milliarden Euro. Ihrer Ansicht nach stellt Bankia, eine Sparkassengruppe rund um die Caja Madrid, einen Einzelfall dar. Das Institut sei besonders stark am Immobilienmarkt engagiert gewesen. Andere ausländische Analysten sind zum Teil deutlich pessimistischer. Die Schweizer Großbank UBS meint, um für alle Kreditrisiken gewappnet zu sein, die aus der Immobilienblase und der Rezession resultieren, seien 80 bis 100 Milliarden Euro Kapitalbedarf notwendig - das entspräche 8 bis 10 Prozent des BIP.

          Weitere Themen

          Eine Langweiler-Aktie mit Biss

          Scherbaums Börse : Eine Langweiler-Aktie mit Biss

          Ein Hamburger ist nicht unbedingt jedermanns Sache. Die Aktie von McDonald’s ist aber durchaus massentauglich, denn sie bringt viele positive Eigenschaften für den langfristigen Vermögensaufbau mit Aktien mit.

          Italiens Post soll die Dörfer retten

          Entwicklungsplan : Italiens Post soll die Dörfer retten

          Durch ein Milliardenprogramm sollen die Ämter auf dem Lande ausgebaut werden und einige staatliche Aufgaben übernehmen. Zwei Drittel bezahlt Europa. Wie groß sind die Chancen auf einen Stopp der Abwanderung?

          Topmeldungen

          Angriff beim FC Bayern : Neuer und das Spiel mit der Macht

          Den FC Bayern hat sich Manuel Neuer untertan gemacht. Nach seinem Interview allerdings kippt die Stimmung. Offenbar hat es der Kapitän auf eine Machtprobe mit Trainer Julian Nagelsmann angelegt.
          Manchmal hört man den Muezzin: In Sichtweite von Gazastadt müssen die Bewohner der israelischen Siedlungen jederzeit mit Raketenbeschuss rechnen.

          Leben am Gazastreifen : Im Schatten der Mauer

          Nahe dem Zaun rund um den von der Hamas beherrschten Gazastreifen leben jüdische Familien. Was hält sie dort?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Sie können bis zu 5 Newsletter gleichzeitig auswählen Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.