https://www.faz.net/-gqe-9ppiy

Internationaler Währungsfonds : Georgieva soll Lagarde beim IWF nachfolgen

Kristalina Georgieva soll Christine Lagarde an der IWF-Spitze folgen. Bild: dpa

In zwei Abstimmungen erringt sie die Mehrheit unter den europäischen Finanzministern. Gegenkandidat Dijsselbloem unterliegt. Beim IWF muss jetzt aber die Altersgrenze erhöht werden.

          3 Min.

          Im Rennen um die Nachfolge von Christine Lagarde an der Spitze des Internationalen Währungsfonds (IWF) hat sich die bulgarische Kandidatin Kristalina Georgieva durchgesetzt. In der Stichwahl, die wegen der Uneinigkeit der Europäer gegen den ehemaligen niederländischen Finanzminister Jeroen Dijsselbloem nötig geworden war, erhielt die amtierende Weltbank-Geschäftsführerin die meisten Stimmen. Dijsselbloem gratulierte seiner Rivalin am Freitagabend und wünschte ihr viel Glück.

          Christian Schubert

          Wirtschaftskorrespondent in Paris.

          Es war jedoch eine schwere Geburt. Nachdem am Freitag vier Kandidaten in die erste Abstimmung gingen, kam es am Nachmittag zur Kampfabstimmung zwischen Georgieva und  Dijsselbloem. Dabei erhielt die Bulgarin 56 Prozent der Stimmen gemessen an den Länder-Stimmen und 57 Prozent nach den Länder-Stimmen gewichtet nach der Bevölkerungsgröße, wie in europäischen Verhandlungskreisen am Freitagabend berichtet wurde. Dijsselbloem erhielt jeweils den Rest der Stimmen.

          Das französische Finanzministerium hatte zuvor mitgeteilt, dass der siegreiche Kandidat eine qualifizierte Mehrheit nach den EU-Abstimmungsregeln erreichen müsse. Diese sehen vor, dass 55 Prozent der Länder oder 16 Regierungen zustimmen müssen, zudem 65 Prozent der Länder nach der Bevölkerungsgröße gewichtet. In Pariser Verhandlungskreisen wurde darauf gedrängt, dieses Ergebnis dennoch zu akzeptieren. Frankreich hatte sich dem Vernehmen nach für Georgieva ausgesprochen, Berlin dagegen für Dijsselbloem. Diese Differenzen erschwerten die Konsensfindung.

          Tauziehen seit mehreren Wochen

          Das Tauziehen um die geeignete Person zieht sich schon seit mehreren Wochen hin. Am Donnerstag waren noch fünf Personen im Rennen. Doch dann warfen nacheinander der amtierende Eurogruppen-Chef und portugiesische Finanzminister Mario Centeno, die spanische Wirtschaftsministerin Nadia Calvino und der finnische Notenbankgouverneur Olli Rehn das Handtuch.

          Das französische Finanzministerium hatte die Nennung neuer Kandidaten bis zum Donnerstagabend befristet, um vor allem den Briten noch mal eine Chance zu geben. Doch von ihnen kam kein neuer Vorschlag mehr. Die zuvor genannten britischen Kandidaten - der ehemalige Finanzminister George Osborne und der britische Notenbankgouverneur Mark Carney - fanden nicht genügend Unterstützung. Allerdings kam aus britischen Regierungskreisen auch Kritik an dem Vorgehen. Die Briten könnten auch zu einem späteren Zeitpunkt noch einen Kandidaten vorlegen, hieß es in London, was die Spannungen verstärkte. Die IWF-Mitgliedsländer können bis zum 6. September Kandidaten nominieren.

          Ursprünglich wollten die Europäer indes schon bis Ende Juli sich auf einen Kandidaten geeinigt haben. Das misslang und schwächte damit ihre traditionellen Anspruchsrechte auf die IWF-Führung. Der Posten des geschäftsführenden IWF-Direktors wird seit Gründung der Bretton Woods-Institutionen von den europäischen Regierungen besetzt, während die Vereinigten Staaten den Zugriff auf die Weltbank-Spitze haben. Zunehmend sorgen diese Erbhöfe für Unmut bei den Schwellenländern, doch die Europäer wollen sich das Heft bisher genauso wenig aus der Hand nehmen lassen wie die Amerikaner. Die Konfrontationen innerhalb Europas war schon allein am Verfahren abzulesen: Erstmals mussten die 28 EU-Finanzminister zu zwei Abstimmungen greifen, nachdem sie sich in der Vergangenheit meistens im Konsens einigen konnten.

          Le Maire betonte immer wieder, dass er sich eng mit seinem deutschen Amtskollegen Olaf Scholz abstimmte. Dennoch misslang die traditionelle Rollenverteilung, bei der die französische Seite früher mit Überzeugungskraft auf die europäischen Südstaaten einwirken konnte und die Deutschen entsprechend auf die nördlichen Länder. Die Bulgarin Georgieva gilt zwischen den Nord- und den Südländern indes als neutralere Kandidatin, doch gibt es bei ihr eine weitere Hürde: Sie hat mit ihren bald 66 Jahren die Altersgrenze von 65 Jahre für den IWF-Chefposten überschritten. Dies würde eine Erhöhung der Altersgrenze im breiten Kreis der IWF-Mitglieder erfordern. Dijsselbloem widerum verfügte nur über geringe Sympathiewerte in Spanien, Italien und Portugal, nicht zuletzt weil er sich abfällig über die laxe Haushaltsführung in einigen dieser Länder geäußert hatte. 2017 hatte er mit Bezug auf den europäischen  Stabilitätspakt gesagt: „Ich kann nicht mein ganzes Geld für Schnaps und Frauen ausgeben und anschließend Sie um Ihre Unterstützung bitten. Dieses Prinzip gilt auf persönlicher, lokaler, nationaler und eben auch auf europäischer Ebene.“

          Georgiewa ist seit Anfang 2017 als Geschäftsführerin („Chief Executive“) der Weltbank tätig, womit sie als Nummer zwei nach dem Präsidenten David Malpass gilt. Von 2014 bis 2016 war die promovierte Ökonomin Vizepräsidentin der EU-Kommission und in dieser Funktion zuständig für die Bereiche Haushalt mit einem Budget von 161 Milliarden Euro und dem Personalbestand von 33.000 Kommissions-Mitarbeitern . Zuvor, von 2010 bis 2014, hatte Georgiewa als EU-Kommissarin die Ressorts humanitäre Hilfe, internationale Zusammenarbeit und Krisenschutz inne.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.