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George Soros wird 90 Jahre alt : Spekulant, Milliardär, Wohltäter

George Soros bei einer Ehrung im November 2019 in Wien Bild: dpa

Eine erfolgreiche Wette gegen das Pfund machte ihn als Fondsmanager weltberühmt. Als großzügiger Spender förderte er schon im Kalten Krieg offene Gesellschaften in Mittel- und Osteuropa. Heute wird er als Feindbild benutzt.

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          George Soros mischt sich heute immer noch mit Energie in Debatten ein, obwohl er schon vor elf Jahren gebrechlich wirkte. Damals sagte der frühere Hedgefonds-Manager und heutige Philanthrop im Gespräch mit dieser Zeitung: „Die strukturellen Schwächen des europäischen Währungsraums sind bekannt: Es gibt eine Zentralbank, aber keine zentrale europäische Schuldenverwaltung.“ Auf die Frage, ob er gegen den Euro wette, sagte Soros damals, der Euro werde überleben und er selbst sei ohnehin kein Spekulant mehr, anders als 1992.

          Hanno Mußler
          Redakteur in der Wirtschaft.

          Damals katapultierte Soros mit seinen Wetten gegen das britische Pfund die „überbewertete Währung“ aus dem europäischen Währungssystem. Seinem 1969 gemeinsam mit Jim Rogers gegründeten Hedgefonds Quantum brachte das mehr als 1 Milliarde Dollar Gewinn ein.In seinem „zweiten Leben“ ist Soros tatsächlich wie von ihm gewünscht vom Spekulanten zum Politikberater und Mäzen geworden. Doch der Wohltäter von heute ist damit kaum weniger umstritten als zu der Zeit, als er die „Bank von England knackte“.

          Auf seine EU-Kritik wird jetzt reagiert

          Dass die EU-Staaten der EU-Kommission angesichts der Corona-Krise jetzt im Juli erlaubt haben, 750 Milliarden Euro über Anleihen aufzunehmen, dürfte Soros elf Jahre nach seiner Kritik an der EU und der seiner Meinung nach bisher fehlenden „europäischen Schuldenverwaltung“ befriedigen. Aber vieles andere ist in den vergangenen Jahren nicht in seinem Sinne gelaufen.

          Im Jahr 2004 hatte Soros, der 1930 in Budapest als György Schwartz in eine säkulare jüdische Familie geboren wurde und nur mit Glück und gefälschtem Ausweis den Holocaust überlebte, sich gewünscht: „Ich möchte aus Ungarn ein Land machen, aus dem ich nicht mehr auswandern will.“ Was großspurig klingen mag, hatte durchaus seine Berechtigung.

          Förderer von Solidarność und Charta 77

          Schließlich hatte Soros schon seit Ende der siebziger Jahre mit seinem an der New Yorker Wall Street verdienten Geld osteuropäische Widerstandskämpfer gegen die kommunistischen Herrscher unterstützt, etwa die Gewerkschaft Solidarność in Polen und die tschechische Bürgerrechtsbewegung Charta 77.

          Mit dem Fall der Berliner Mauer 1989 und dem Ende des Kommunismus fand Soros dann endgültig seine Bestimmung. Er bündelte seine Spendentätigkeit in der 1993 gegründeten Stiftung Open Society (OSF), die bis heute nach eigenen Angaben 15 Milliarden Dollar ausgegeben hat – davon erkleckliche Summen auch in seiner alten Heimat Ungarn. Doch die Ausgaben etwa in Bildungs- und  Gesundheitswesen, die der Förderung der Demokratie dienen sollen, werden von manchen auch als Einmischung empfunden. Doch das war nicht immer so.

          Orbán studierte mit Hilfe von Soros 

          Soros unterstützte in den neunziger Jahren die heutige rechtsnationale und damals radikalliberale Partei Fidesz. Ihr Vorsitzender Viktor Orbán studierte 1989 mit Hilfe eines Soros-Stipendiums in Oxford die Geschichte der englischen liberalen Philosophie. Heute bekennt sich Orbán als Ministerpräsident Ungarns zu einer „illiberalen Demokratie“. Die von Soros in Prag gegründete und 1993 noch unter Orbáns Beifall nach Budapest verlegte Central European University musste die ungarische Hauptstadt 2019 verlassen.

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