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Gentechnik : „Hier geht es um die Interessen der gesamten Menschheit“

Die Bilder der der Oregon Health and Science University zeigen, wie die Forscher mit Hilfe der Genschere namens CRISPR-Cas9 ein defektes Gen entfernen. Bild: SCIENCE UNIV/REX/Shutterstock

Immer zielgenauer kann das Erbgut des Menschen verändert werden. Das kann helfen, Krankheiten zu heilen. Oder gesunde Menschen zu „verbessern“. Deutsche Fachleute schlagen nun Alarm.

          5 Min.

          „Die Biotechnologie steht an einem Wendepunkt: Die Fortschritte bei Gentests und Genetic Editing – beschleunigt durch die neuen Techniken der Genmanipulation – sind dabei, Science Fiction in Realität zu verwandeln.“ So steht das nicht in einer Prophezeiung sektiererischer Futuristen, sondern in einer Analyse der amerikanischen Geheimdienste aus diesem Jahr, welche die Fachleute von CIA und Co. eigentlich für ihren Präsidenten anfertigen, die aber zugleich der Öffentlichkeit verfügbar gemacht wird.

          Alexander Armbruster

          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft Online.

          Sie begründeten ihre Einschätzung so: „Die Zeit und die Kosten, die aufgewendet werden müssen, um das Genom eines Menschen zu sequenzieren, sind auf einen Bruchteil geschrumpft.“ Und sagen daran anschließend eine – je nach Perspektive erschreckende oder hoffnungsvolle – Entwicklung voraus: „Hier eröffnen sich Möglichkeiten für maßgeschneiderte Ansätze zur Verbesserung menschlicher Fähigkeiten, Therapie von Krankheiten, Verlängerung des Lebens oder Steigerung der Nahrungsproduktion.“ Es sei anzunehmen, dass „die meisten neuen Techniken am Anfang in einigen wenigen Ländern verfügbar sein werden, das heißt, dass der Zugang zu diesen Technologien begrenzt sein wird auf jene Menschen, die das Geld haben, für die neuen Prozeduren zu reisen und zu bezahlen“.

          Es geht nicht nur um die „Genschere“

          Vor ungefähr einem Monat haben Wissenschaftler in den Vereinigten Staaten um Shoukhrat Mitalipov von der Oregon Science and Health University demonstriert, was das zum Beispiel bedeutet: Sie berichteten in einem Beitrag für das renommierte Magazin „Nature“, wie sie bei 42 von 58 eigens dafür hergestellten menschlichen Embryonen das Gen für eine Herzkrankheit reparierten – und zwar, ohne den Embryonen währenddessen an anderer Stelle zu schaden. Das ist nicht weniger als ein Eingriff in die Keimbahn, der das Erbgut über Generationen hinweg verändert.

          Manipuliert haben die Forscher das kaputte Gen mit einer Methode, die derzeit im Mittelpunkt steht, wenn es um neue Hoffnungen im Bereich der Genetik geht. Sie wird gelegentlich „Genschere“ genannt und verbirgt sich hinter dem Kürzel CRISPR/Cas. Damit können Fachleute offenkundig mit vergleichsweise geringem Aufwand zielgenau das Erbgut verändern.

          Nachdem die amerikanische Wissenschafts-Akademie im Februar ihre eigene Position zur Frage von Keimbahn-Eingriffen abänderte und sich freizügiger äußerte, hat nun der Deutsche Ethikrat eine eindrückliche Warnung ausgesprochen. „Entwicklungen der jüngsten Zeit verdeutlichen jedoch, dass die Forschung auf diesem besonders sensiblen Gebiet erheblich schneller voranschreitet als erwartet und damit zumindest in einigen Staaten Fakten geschaffen werden. Weil hiermit jedoch nicht nur nationale, sondern auch Interessen der gesamten Menschheit berührt werden, bedarf es einer weitgespannten Diskussion und einer internationalen Regulierung“, schreiben sie (zum Original-Aufsatz geht es hier entlang). Sie beziehen sich darin ausdrücklich auf den Versuch in den Vereinigten Staaten, aber auch auf vorangegangene, etwa in China.

          „Druck auf künftige Eltern?“

          Die Besonderheit dieses Forschungsfortschritts erklären sie so: „Erstmals in der Wissenschaftsgeschichte sollen medizinische Maßnahmen entwickelt und gegebenenfalls eingesetzt werden, die nicht allein einen einwilligungsfähigen erwachsenen Patienten oder – und schon dies ist ethisch umstritten – ein noch nicht einwilligungsfähiges geborenes oder ungeborenes Kind betreffen, sondern Generationen noch nicht gezeugter Nachkommen unbestimmter Zahl.“

          Die Ethiker, deren Aufgabe es ist danach zu fragen, ob wir etwas wollen sollen, diskutieren die Forschung durchaus differenziert. Sie nehmen einmal Bezug auf neue Möglichkeiten, (Erb-)Krankheiten zu behandeln oder komplett zu heilen. Oder etwa Paaren, die bislang keine eigenen Kinder bekommen können, dies zu ermöglichen. Dafür können sie sich schneller erwärmen, und das scheint auch insgesamt eher konsensfähig zu sein.

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