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Automobil-Branche : Borgward will so groß wie Mercedes werden

Borgward auf dem Automobil-Salon in Genf Bild: dpa

Die längst untergegangene Automarke Borgward plant ihr ganz großes Comeback als Großserien-Hersteller. Doch die Fäden zieht ein chinesischer Staatskonzern.

          2 Min.

          Eiermann und Borgward - die beiden Namen hatten vor einem halben Jahrhundert einen großen Klang, doch plötzlich wird wieder heftig über sie getuschelt. Borgward plant als Autohersteller sein Comeback, und zwar in großem Stil. Der Standort für die neue Firmenzentrale der Traditionsmarke soll auf dem Eiermann-Campus in Stuttgart sein.

          Susanne Preuß
          Wirtschaftskorrespondentin in Stuttgart.

          Der Architekt Egon Eiermann, berühmt unter anderem durch die Gedächtniskirche in Berlin oder durch das emblematische Kachelmuster der Horten-Kaufhäuser, hatte die Campus-Gebäude mit mehr als 40.000 Quadratmetern Bürofläche in den sechziger Jahren als Deutschland-Zentrale für den Computerkonzern IBM gestaltet, der vor einigen Jahren allerdings ausgezogen ist.

          Stuttgart: „Uns ist Borgward herzlich willkommen“

          Was wie ein modernes Märchen klingt, ist schon sehr konkret. „Seriös“ und „solide“ und „ernsthaft“ sind die Wörter, die Stuttgarts Finanzbürgermeister Michael Föll (CDU) verwendet, wenn er über Borgward spricht und die Verhandlungen, die er gemeinsam mit dem grünen Oberbürgermeister Fritz Kuhn und Ines Aufrecht, der Leiterin der städtischen Wirtschaftsförderung, schon im vergangenen Jahr geführt hat. Borgward werde zunächst Quartier beziehen im City Gate, einem neu gebauten Bürokomplex nahe dem Hauptbahnhof.

          Ob es dann zu einem Umzug auf den Eiermann-Campus komme, sei noch nicht endgültig sicher: Der Eigentümer, wenn auch insolvent, hat letztlich das Sagen, nicht die Stadt. Die Kosten wären enorm, schon weil die energetische Sanierung für die denkmalgeschützten Gebäude nicht einfach ist. Nach Informationen der „Stuttgarter Nachrichten“, die sich auf ein Konzept-Papier von 30 Seiten beziehen, will Borgward in Stuttgart 260 Millionen Euro investieren.

          „Uns ist Borgward herzlich willkommen“, betont Bürgermeister Michael Föll gegenüber dieser Zeitung: „Wenn eine Legende wieder aufersteht, dann gibt es in der Autowelt keinen besseren Ort als Stuttgart.“ Vom Eiermann-Campus, der direkt am Stuttgarter Autobahnkreuz liegt, sind es jeweils nur ein paar Kilometer zu Daimler und zu Porsche. Und in der Liga der ganz großen Namen will Borgward - einst der drittgrößte Autohersteller Deutschlands - auch wieder spielen, und zwar ziemlich schnell.

          Weltweit Partnerunternehmen

          Bis zum Jahr 2020 sollen jährlich schon 800.000 Autos verkauft werden, bis zum Jahr 2025 soll der Absatz noch einmal verdoppelt werden - damit wäre Borgward dann etwa so groß wie Mercedes heute. Der Weg dorthin führt über einen Geländewagen, den Borgward in diesem Herbst auf der IAA in Frankfurt vorstellen will. Einen Geländewagen wählt Borgward, weil man hier den größten Markt sieht und damit die beste Möglichkeit, schnell große Stückzahlen zu verkaufen. „Das große Ziel ist, dass Borgward nie in eine Liquiditätskrise kommen darf. Wir müssen also Geld verdienen“, erklärte Christian Borgward, der Enkel des Firmengründers Carl F. W. Borgward, in einem Interview mit dem Fernsehsender n-tv.

          Logo des Automobil-Konzerns Borgward
          Logo des Automobil-Konzerns Borgward : Bild: dpa

          Zwei bis drei Fahrzeuge würden ab sofort jährlich vorgestellt, heißt es bei Borgward. Forschung und Entwicklung, Design sowie Vertrieb und Marketing sollen in Stuttgart angesiedelt werden. „Borgward ist eine deutsche Premium-Marke“, betont Karl-Heinz Knöss, Vorstandssprecher der Borgward AG, die ihren Sitz in Luzern hat - und nennt Qualität, Innovation und Eleganz als Werte, die damit verbunden werden.

          Produziert werden sollen die Autos in den jeweiligen Absatzmärkten. „Wir haben weltweit Partnerunternehmen, die uns diese Strategie ermöglichen“, so Christian Borgward: „Das ist die Herausforderung, an der wir zehn Jahre gearbeitet haben.“ Auch wenn dazu noch keine Details genannt werden, zeichnet sich doch ab, dass der Glanz der wiederbelebten Traditionsmarke vor allem in China erstrahlen soll: Einer der Hauptinvestoren des Projekts ist der chinesische Nutzfahrzeughersteller Foton, der auch an den Standortverhandlungen mit der Stadt Stuttgart beteiligt war. Beiqi Foton ist ein enger Kooperationspartner von Daimler im Geschäft mit schweren Lastwagen, hat aber angekündigt, auch ins Personenwagen-Geschäft einzusteigen. Die Markenrechte an Borgward, die noch bei Christian Borgward lagen, sind schon vor einem Jahr an Foton verkauft worden. Das chinesische Staatsunternehmen hat seine Europa-Zentrale mit 150 Mitarbeitern in Stuttgart.

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