https://www.faz.net/-gqe-abl9n

Jung und Alt in der Pandemie : Die Jungen brauchen kein Mitleid

Zufluchtsort Spielplatz: Kinder und Alte in der Pandemie gegeneinander auszuspielen, schadet mehr als es nützt. Bild: dpa

In der Krise wird ein Konflikt zwischen Jung und Alt heraufbeschworen. Das schadet mehr als es hilft – und lenkt vom eigentlichen Problem ab.

          1 Min.

          „Jetzt sind aber mal die Kinder dran!“ Diese Forderung wird immer lauter. Politiker rufen sie aus, sie durchdringt die (sozialen) Medien. Immer wird sie begleitet von der Behauptung, die Corona-Krise habe einen „Generationenkonflikt“ entfacht, der mal wieder zu Lasten der Kinder und Jugendlichen gehe.

          Die Erzählung ist einfach. Die Jüngeren haben im vergangenen Jahr zugunsten der Älteren übermäßig verzichtet. Jetzt werden sie auch noch beim Impfen „vergessen“ – während die Älteren den Impfstoff von Astra-Zeneca verschmähen und damit die Rückkehr zur Normalität unnötig verzögern. Jetzt müsse der Spieß endlich umgedreht und die Jüngeren für ihre Solidarität entschädigt werden, heißt es.

          In der Sache stimmt es ja: Kindern und Jugendlichen hat die Krise unendlich viel abverlangt. Sie sind besonders auf Sozialkontakte angewiesen, Schüler aus bildungsferneren Familien werden die Lernrückstände trotz Förderprogrammen kaum aufholen können. Und dass noch immer über Öffnungskonzepte für Schulen diskutiert werden muss, ist purer Hohn.

          Trotzdem schadet es mehr als es hilft, neue Konfliktlinien und Scheingegensätze heraufzubeschwören. Die Krise kann nach wie vor nur gemeinsam von Jung und Alt gemeistert werden – und nicht, indem verschiedene Opfergruppen gegeneinander ausgespielt werden. Es ist zudem eine eigenartige Vorstellung von Solidarität, wenn man annimmt, es handele sich dabei um eine Investition, die sich zwangsläufig rentieren müsse. Richtig ist vielmehr, dass Kinder und Jugendliche keineswegs umsonst verzichtet haben, sondern auch sie heute von sinkenden Infektionszahlen und der Gesundheit ihrer Großeltern profitieren.

          Der Pathos des neuen Generationenkonflikts, der innerhalb der meisten Familien als solcher gar nicht wahrgenommen werden dürfte, überdeckt im schlimmsten Fall, was Kinder und Jugendliche wirklich brauchen: nämlich kein Mitleid, sondern eine Politik, die ihre Bedürfnisse dauerhaft nach oben stellt. Kinderbetreuung, durchlässige Bildungssysteme, nachhaltig gesicherte Sozialsysteme – in all diesen Bereichen geht es viel zu langsam voran. Hier auf Veränderungen zu pochen und Politiker nicht mit Lippenbekenntnissen davonkommen zu lassen, ist im Wahljahr die eigentliche Herausforderung.

          Johannes Pennekamp
          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaftsberichterstattung, zuständig für „Die Lounge“.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Ein Containerschiff läuft aus dem Hafen von Yantian aus

          Hafen von Yantian : Mega-Stau lähmt den Welthandel

          Unternehmen warten jetzt schon wochenlang auf Waren. Nun droht ein noch größerer Engpass als nach dem Stillstand im Suezkanal: Der Verkehr im Containerhafen Yantian in Shenzhen ist zur Hälfte lahmgelegt.
          Wer keine Vergangenheit hat, baut sich eben eine. Nördlich des Schlosses Sanssouci stehen auf dem Ruinenberg die Reste eines antiken Tempels

          Boomtown Potsdam : Die heimliche Hauptstadt

          Hier konkurrieren Annalena Baerbock und Olaf Scholz ums Direktmandat. Und die halbe Ortschaft sieht so aus wie ein paar sehr reiche Männer sich das vorgestellt haben. Über Potsdam als geistige Lebensform.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.