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Generationengerechtigkeit : Verschwörung gegen die Jungen

Schaut besser noch einmal in den Generationenvertrag! Bild: Wresch, Jonas

Wer lange lebt, muss länger arbeiten. Das hatte Deutschland endlich begriffen. Schwarz-Rot will davon heute nichts mehr wissen. Und die Jungen müssen dafür zahlen.

          Wenige Tage, bevor sie nachgab, zeigte sich die Kanzlerin noch zum Gegenteil entschlossen. In mehreren Vorträgen bereitete sie die Arbeitgeber zwar auf den Mindestlohn und andere Zugeständnisse an den künftigen Koalitionspartner SPD vor. Aber in Sachen Rente klang es, als ziehe sie rote Linien. „Ich werde darauf achten, dass die Rente mit 67 nicht zerlöchert wird“, sagte sie noch vor anderthalb Wochen. „Alles andere wäre gegenüber der jungen Generation nicht zu vertreten.“

          Ralph Bollmann

          Korrespondent für Wirtschaftspolitik und stellvertretender Leiter Wirtschaft und „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Knapp eine Woche später unterschrieb sie die „Rente mit 63“ dann doch. Auf Wunsch der SPD, die sich seit Jahren über die „Rente mit 67“ ihres früheren Vorsitzenden Franz Müntefering zerstreitet. Es war auch eine Gegenleistung dafür, dass die CDU ihrem Frauenverband einen Herzenswunsch erfüllen durfte: Die Ausdehnung der „Mütterrente“, die eigentlich für die jüngere Generation gedacht war, auf die älteren Geburtsjahrgänge. Unter den Rentenbeschlüssen der Koalition sind es die beiden teuersten und nach fast einhelliger Expertenmeinung sinnlosesten Beschlüsse.

          „Das ist eine Rolle rückwärts“, sagt etwa Axel Börsch-Supan, Direktor des Münchener Max-Planck-Instituts für Sozialrecht und Sozialpolitik. „Die bislang sehr erfolgreichen Anstrengungen, mehr Ältere in den Betrieben zu lassen, werden zunichte gemacht.“ Nach den Beschlüssen von Union und SPD sollen Erwerbstätige vom 1. Juli nächsten Jahres an schon zwei Jahre früher in Rente gehen können. Das allerdings nur, wenn sie mindestens 45 Jahre Beiträge bezahlt haben. Arbeitslosigkeit und Erziehungszeiten zählen dabei mit.

          Rund 17 Prozent der Beschäftigten können die neue Regel in Anspruch nehmen, rechnet der Ökonom Börsch-Supan vor – und sie werden es auch tun. Denn bleiben sie bis zur offiziellen Grenze von 65 oder künftig 67 Jahren im Job, steigt dadurch die Monatsrente um keinen Cent. „Die Rente mit 63 passt nicht in die demographische Realität und schadet der jüngeren Generation“, sagt Börsch-Supan. Er plädiert schon lange dafür, in der alternden Gesellschaft die geschenkten Jahre im Verhältnis 2:1 aufzuteilen: Steigt die Lebenserwartung um zwei Jahre, könnten die Menschen demnach ein Jahr länger arbeiten und würden dann immer noch ein Jahr länger Rente beziehen. Das würde ausreichen, um die Rentenversicherung langfristig finanzierbar zu halten.

          Deutschland ist für Europa kein Vorbild mehr

          Im vorigen Jahr erregte der Direktor des Rostocker Max-Planck-Instituts für demographische Forschung, James Vaupel, mit der Forderung nach einer Rente mit 72 Aufsehen – allerdings erst für das Jahr 2050. „Die Menschen müssen schlicht einen vernünftigen Teil ihrer Lebenszeit arbeiten“, sagte er. Dabei glaubt Vaupel nicht einmal an die demographischen Untergangsszenarien eines stark schrumpfenden Deutschland, da setzt er auf Zuwanderung und steigende Geburtenraten. Es ist schlichtweg unsere Langlebigkeit, die ein längeres Arbeitsleben nicht nur finanziell nötig, sondern auch gesellschaftlich sinnvoll macht.

          Wer will schon eine Gesellschaft, in der ein immer größerer Teil der Bevölkerung von einem der zentralen Orte der sozialen Integration ausgeschlossen ist, eben der Arbeit? Unzählige Studien belegen inzwischen, dass der Wechsel in die Rente für viele Menschen einen weit härteren Einschnitt darstellt, als sie es sich in jüngeren Jahren vorstellen. Auch die geistige und körperliche Leistungsfähigkeit leidet häufig unter dem Ruhestand. Das mag je nach Berufsgruppe sehr unterschiedlich sein. Aber auch der viel zitierte Dachdecker kann seine Kenntnisse noch nutzen, indem er zum Beispiel im Baumarkt die Kunden berät.

          Auf diesem Weg hat Deutschland zuletzt gute Fortschritte gemacht. Als die rot-grüne Regierung 1998 antrat, waren nur 36 Prozent der über 55-Jährigen in Beschäftigung. Heute arbeiten in dieser Altersgruppe mehr als 65 Prozent – und es werden immer mehr.

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