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Generation Y : Ausland? Ach nein, lieber nicht!

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Schillerndes Schanghai - das können sich viele Berufsanfänger vorstellen. Aber Amerika? Nein danke! Bild: AFP

Die vielbeschworene Generation Y macht mal wieder Schlagzeilen: mit Heimatverbundenheit. Anscheinend haben nur noch wenige junge Leute Lust, beruflich längere Zeit ins Ausland zu gehen. Und wenn, dann sollte es bitteschön ein sehr spannendes Ziel sein.

          Eine interessante Stelle im Ausland galt einmal als Auszeichnung und Karrieresprungbrett schlechthin. Doch heute schauen viele junge und hochqualifizierte Fachkräfte viel genauer hin, was ihnen ihr Arbeitgeber zu bieten hat. Eine Führungsposition - ja gerne, aber nur, wenn sie sich mit Familie, Freundeskreis und Hobbys gut verträgt. Das Leben aus gepackten Koffern und mit Jetlag im Hotelzimmer dagegen lockt nur noch Wenige. Manches international tätige Unternehmen stellt die schwindende Mobilität der vielbeschworenen Generation Y inzwischen vor Probleme. Und auch sonst stöhnt so mancher Personaler hinter vorgehaltener Hand über die Anspruchshaltung vieler Nachwuchskräfte.

          Der Tiefbauspezialist Bauer aus dem oberbayerischen Schrobenhausen beispielsweise braucht regelmäßig gute Leute für Auslandstätigkeiten im Maschinen-Vertrieb oder für Bauprojekte. Meist werde man auch fündig, sagt Personalchef Stefan Reindl. „Allerdings stellen auch wir fest, dass es tendenziell schwieriger wird, Personal zu finden, das dauerhaft bereit ist, weltweit auf Projekten zu arbeiten und sozusagen weltweite Mobilität mitzubringen.“ Auch blieben Mitarbeiter heute kürzer im Ausland, weil das Familienleben einen höheren Stellenwert habe als noch vor einigen Jahren. Auch zum Autobauer BMW kommen zunehmend Bewerber mit individuellen Vorstellungen: „Für Viele sollte sich der Job nach dem Lebensentwurf richten und nicht umgekehrt“, sagt ein Unternehmenssprecher.

          An Reiselust fehlt es nicht

          Der Trend lässt sich auch an regelmäßigen Studierenden- und Mitarbeiter-Befragungen des Autozulieferers Continental ablesen. Im vergangenen Jahr etwa antwortete die Hälfte der befragten jungen Leute auf die Frage, wo sie sich einen Arbeitsplatz suchen wollen: „In der Region, in der ich jetzt lebe.“ Junge Conti-Mitarbeiter, die bereits über den Tellerrand hinausgeschaut hatten, zeigten sich zwar deutlich offener für einen internationalen Job. Weder Studenten noch Fachkräfte wären aber der Befragung zufolge zu größeren Abstrichen bei Familie und Partnerschaft zugunsten von Beruf und Karriere bereit.

          Dabei fehlt es durchaus nicht an der Reiselust, sagt Jutta Boenig, Vorstandsvorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Karriereberatung. Viele junge Leute seien aber schon vor ihrem Berufsleben weit herumgekommen und deshalb mit Jobs in Übersee nur noch schwer zu locken. Wer als Kleinkind schon von den Eltern gefragt werde, wohin die Urlaubsreise gehen soll, sei halt verwöhnt. Nur ganz am Anfang ihrer Laufbahn nähmen die Hochqualifizierten eine Auslandsstation noch gerne mit - aber dann schon bitteschön in China, und nicht in den Vereinigten Staaten, wo sie schon ihr Auslandssemester verbracht haben.

          Die Personalberatung Page Group verweist auf die positiven Seiten einer neuen „Emanzipation“ der Arbeitnehmer: „Fachkräfte sind sich ihres Wertes für Unternehmen sehr bewusst und wissen, was sie wollen. Sie wünschen sich, dass die Unternehmen auch auf sie zukommen, statt immer nur andersherum“, sagt Goran Baric, Deutschland-Chef des Unternehmens. Neben der demografischen Entwicklung sorge auch die gute Konjunktur dafür, dass sich Deutschland zu einem Bewerber-Markt entwickelt hat. „Kaum ein Land bietet derzeit so gute Voraussetzungen für den beruflichen Aufstieg.“

          Perspektiven bieten für die Zeit danach

          Auslandsstationen dürften allerdings auch künftig für angehende Spitzenleute in internationalen Unternehmen dazugehören - aber eben nicht mehr um jeden Preis, sagt Baric. Mitarbeiter erwarteten einen greifbaren Mehrwert: „Zum Beispiel die Chance, in einem anderen Land etwas ganz Neues aufzubauen und sich dabei sehr stark weiterzuentwickeln.“ Bei Auslandsjobs auf Zeit sollten den Kandidaten auch Perspektiven für die Zeit danach geboten werden: „Die Situation im Ausland sollte ein Karriere-Kick sein und kein Karriere-Knick.“

          Auch Beraterin Boenig empfiehlt Unternehmen, Auslands-Mitarbeitern frühzeitig Brücken in die alte Heimat zu bauen. Dazu gehöre auch eine ordentliche Betreuung. Konzerne mit Zehntausenden Beschäftigten und nur einem Ansprechpartner für Auslandsmitarbeiter müssten sich nicht wundern, wenn es niemanden in die Welt hinaus zieht, sagt Boenig.

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