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F.A.Z. exklusiv : Konjunkturforscher gesucht

Werden das noch mehr? Die Konjunkturforscher bei der Präsentation der Gemeinschaftsdiagnose im April. Bild: dpa

Für die Vergabe der Konjunkturprognose ist die Bundesregierung in heftige Kritik gekommen. Jetzt wird das Verfahren geändert.

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          Die Gemeinschaftsdiagnose der führenden Konjunkturforscher wird künftig von bis zu sechs Instituten gemeinsam erstellt. Nachdem die Bundesregierung für die Vergabe der Aufträge vor zwei Jahren heftig in die Kritik gekommen ist, will sie die Ausschreibung verändern. Übereinstimmende Informationen der F.A.Z. aus Bundesregierung und Instituten sagen: Das Verfahren soll flexibler werden.

          Patrick Bernau
          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft und „Wert“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          In der vorigen Auftragsvergabe waren nur vier Verträge ausgeschrieben worden. Danach verteilte das Wirtschaftsministerium allerdings Aufträge an fünf Bietergemeinschaften. Die F.A.Z. machte öffentlich: Profiteur war ausgerechnet das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW), das in der Rangliste der Fachebene nur auf Platz fünf stand. Dieses Vorgehen sorgte für Ärger, denn DIW-Präsident Marcel Fratzscher galt als Lieblingsökonom des damaligen Wirtschaftsministers Sigmar Gabriel (SPD). „Der Artikel hat Diskussionen über die Vergabepraxis der Gemeinschaftsdiagnose ausgelöst“, sagt Konjunkturforscher Timo Wollmershäuser vom ifo Institut.

          Bis zu sechs Aufträge sind möglich

          Künftig wird die Bundesregierung ganz legal fünf Institute beauftragen können. Sogar sechs wären möglich. Nach dem neuen Verfahren werden alle zwei Jahre je zwei Vierjahresverträge vergeben. Zudem kann die Regierung zwei weitere Institute mit einem Zweijahresvertrag versorgen.

          Die Institute sollen zudem die Konjunkturprognose der Bundesregierung kontrollieren. Denn die Europäische Union hat auch auf Betreiben Deutschlands beschlossen, dass die Prognosen der Mitgliedstaaten unabhängig geprüft werden müssen. Die Institute hatten sich nun für eine höhere Dauerfinanzierung ausgesprochen. Das zuständige Wirtschaftsministerium dagegen entschied sich für eine Ausschreibung nach dem neuen Verfahren. Sie soll offenbar den Wettbewerb unter den Instituten gleichzeitig anfachen und mildern – ein bemerkenswertes Ziel.

          Wettbewerb anfachen und mildern - wie geht das?

          Gemildert werden soll der Wettbewerb, weil die bisherige Beschränkung auf vier Verträge den Preis zuletzt tiefer getrieben hatte, als es selbst der Bundesregierung recht war: In der letzten Ausschreibung war der Preis für fünf Verträge geringer, als er vorher für vier war, heißt es aus dem Ministerium. Die Institute wiederum bieten offenbar lieber unter ihren Kosten an, als den Auftrag zu verlieren. Das brächte ihnen einen tiefen Kratzer im Image. Außerdem müssten sie ihre Konjunkturexpertisen ohne das Honorar durchfinanzieren – und dafür gibt es wenig Nachfrage, die betroffenen Institute würden vielleicht nach wenigen Jahren die Konjunkturforschung ganz einstellen. Das neue Verfahren soll ermöglichen, dass nicht jedes Mal zwangsläufig ein Institut auf das Geld verzichten muss.

          Der Wettbewerb soll nach den Plänen trotzdem erhalten bleiben, weil transparent würde, welche Institute in der Rangliste hinten standen und diese nur einen Zwei-Jahres-Vertrag bekommen. „Den Aufwand, sich nach zwei Jahren wieder zu bewerben, den will man vermeiden“, sagt Stefan Kooths am Institut für Weltwirtschaft in Kiel. Ifo-Forscher Timo Wollmershäuser allerdings hält den Wettbewerb trotzdem für begrenzt. „Es gibt nur fünf Institute, die unabhängig sind und regelmäßig Konjunkturprognosen erstellen.“ Gelegentlich wird darüber spekuliert, ob weitere Institute in die Gebote einsteigen könnten, etwa das Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung in Mannheim oder eines aus dem EU-Ausland – dann könnte der Wettbewerb tatsächlich intensiver werden.

          Bald werden die Überlegungen der Institute beginnen. Aus dem Ministerium heißt es, die Ausschreibung sei nach Brüssel versandt und werde in den nächsten Tagen veröffentlicht.

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