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Geldpolitik : Warum die Zinsen wirklich so niedrig sind

  • -Aktualisiert am

Unterschrift von der neuen Chefin: Christine Lagarde verewigt sich auf einer Euro-Note. Bild: AFP

Sorgen die Notenbanken für die geringen Zinsen? Verantwortlich sind vor allem zwei andere Gründe. Ein Gastbeitrag.

          10 Min.

          Das niedrige Zinsniveau ist ein Marktergebnis und nicht durch die Geldpolitik der nationalen Notenbanken verschuldet. In der jüngeren Vergangenheit war die ultralockere Geldpolitik der Europäischen Zentralbank (EZB) notwendig, um die Märkte zu stabilisieren. Jetzt ist die EZB aber an eine Grenze gekommen und es sind andere Politikreaktionen gefragt: eine Ausweitung fiskalischer Maßnahmen für mehr Investitionen in Infrastruktur und Bildung ist nötig.

          In der aktuellen Diskussion über die EZB steht die Frage im Mittelpunkt, ob ihre Niedrigzinspolitik und die Programme der unkonventionellen Geldpolitik (Quantitative Easing, QE) angesichts des Marktumfelds angemessen sind. Zentral für eine Antwort darauf ist: Folgt die EZB in ihrer Zinspolitik fundamentalen Faktoren, die das Marktzinsniveau beeinflussen? Oder verzerrt sie durch ihre massiven Interventionen am Anleihemarkt das Marktzinsniveau künstlich? Wie so oft ist es also eine Frage der Kausalität. Was war zuerst da, Henne oder Ei?

          Das Argument der EZB für ihre expansive Geldpolitik lautet unter anderem, dass der sogenannte „natürliche Zins“ in den vergangenen Jahrzehnten gesunken ist und auf einem sehr niedrigen Niveau liegt. Der natürliche Zins bezeichnet einen auf dem Markt nicht beobachtbaren Zinssatz, bei dem der Gütermarkt im Gleichgewicht und das Preisniveau stabil sind. Eine geldpolitische Maßnahme wirkt dann expansiv, wenn die von der Zentralbank gesetzten Leitzinsen unterhalb des natürlichen Zinses liegen. Für eine Schätzung des natürlichen Zinsniveaus greift man auf beobachtbare Größen zurück, wie etwa die Marktzinsen und die Gesamtproduktion einer Volkswirtschaft – und gelangt letztlich zu der oben gestellten Frage nach der Kausalität.

          Demographie und Technik dominieren

          Allerdings ist dies nicht die eigentlich zentrale Frage. Vielmehr lautet sie: Steckt die Volkswirtschaft der Europäischen Union derzeit in einer Art Liquiditätsfalle, in der eine weitere Lockerung der Geldpolitik, wie im September durch eine Wiederaufnahme der QE-Programme der EZB beschlossen, keinen großen Effekt haben werden oder gar kontraproduktiv sein könnte? Die Antwort auf diese Frage ist eng damit verknüpft, welche fundamentalen Faktoren den natürlichen Zins treiben.

          Ich werde aufzeigen, dass es bei einer Analyse dieser Faktoren wichtig ist, zwischen einer Vergangenheits- und einer Zukunftsperspektive zu unterscheiden. Dabei werde ich mich auf zwei verschiedene Ansätze beziehen: Der erste ist der empirische Ansatz, der zum Ziel hat, den natürlichen Zins zu schätzen; der zweite ist der modelltheoretisch gestützte, quantitative Ansatz. Grundsätzlich verfolgt er ein ähnliches Ziel, ist aber besser geeignet, Zukunftsprognosen zu erstellen und zu analysieren, welche wirtschaftspolitischen Maßnahmen das Marktzinsniveau in der Zukunft heben könnten.

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