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Geldpolitik : Noch tiefere EZB-Zinsen werden immer wahrscheinlicher

  • Aktualisiert am

Europaflaggen vor der Europäischen Zentralbank in Frankfurt Bild: dpa

Der Rat der Europäischen Zentralbank hat seine geldpolitischen Instrumente heute nicht geändert, stellt die Märkte aber auf fallende Zinsen ein.

          2 Min.

          Der Rat der Europäischen Zentralbank (EZB) hat entschieden, die wichtigen geldpolitischen Zinssätze auf dem bisherigen Niveau zu belassen. Das teilte die EZB in einer Pressemeldung vom Donnerstagnachmittag mit. Demnach bleiben der Leitzins unverändert bei 0,00 Prozent und der Zinssatz auf Einlagen von Geschäftsbanken bei der EZB bei -0,4 Prozent. Auch der Zins für kurzfristiges Zentralbankgeld, das Banken über Nacht bei der EZB leihen, bleibt bei 0,25 Prozent.

          Der deutsche Aktienindex reagierte mit einem leichten Plus. Deutlicher war die Reaktion bei Staatsanleihen. Die Renditen der deutschen Bundesanleihe und die italienischer Bonds sanken auf ein Rekordtief. Am Nachmittag wird EZB-Präsident Mario Draghi die Gründe für die Entscheidung des EZB-Rats erläutern und sich den Fragen von Finanzjournalisten stellen. Dann sind weitere Reaktionen der Börsen zu erwarten.

          Die Entscheidung der EZB war dieses Mal mit besonderer Spannung erwartet worden, weil eine weitere Senkung der schon seit Jahren niedrigen Zinssätze nicht auszuschließen war. Einen solchen Schritt könnte der Zentralbankrat nun auf seiner ersten Sitzung nach der Sommerpause im September beschließen.

          Laut der heutigen Pressemitteilung erwartet der EZB-Rat, dass die Zinsen mindestens bis Ende der ersten Jahreshälfte 2020 und auf jeden Fall so lang wie nötig auf dem aktuellen Niveau bleiben – oder sogar auf ein noch niedrigeres Niveau sinken werden. Damit will die Zentralbank der Inflation auf die Sprünge verhelfen, die aktuell hinter dem Zielwert von zwei Prozent zurückbleibt. Dieses Ziel will die EZB „mittelfristig“ und „nachhaltig“ erreichen. Diese Aussage ist als Signal für eine weitere Lockerung der Geldpolitik zu verstehen.

          Die EZB hat in großem Stil Anleihen gekauft und will die von den Schuldnern erhaltenen Tilgungen weiter wie bisher in den Kauf weiterer Anleihen stecken. Daran will sie auch nach einer künftigen Zinserhöhung für einen langen Zeitraum festhalten. Darüber hinaus sind jedoch auch zusätzliche Käufe von Anleihen durch die EZB denkbar.

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          Bereits im Juni hatte EZB-Präsident Mario Draghi Wirtschaft und Finanzmärkte rhetorisch auf eine weitere Lockerung der Geldpolitik vorbereitet. Auf einer Konferenz von Notenbankern in der portugiesischen Kleinstadt Sintra hatte Draghi vor einer schwachen Inflation und vor düsteren Aussichten für die Wirtschaft gewarnt. Sollte sich der Ausblick nicht bessern und die Inflation weiter unter dem Zielwert von zwei Prozent verharren, sei die Notenbank zu neuen Schritten bereit. Draghi erwähnte damals die Maßnahmen zusätzlicher Zinssenkungen und neuer Anleihekäufe, mit denen die EZB die Wirtschaft der Eurozone in Schwung bringen könnte.

          Dazu gibt es in der Tat Anlass. Laut des am Donnerstag veröffentlichten ifo-Geschäftsklimas ist die Stimmung in der Industrie so schlecht wie zuletzt im Februar 2009. Das war kurz nach der Finanzkrise. Trüb ist nicht nur die Stimmung. Auch die harten Unternehmenszahlen lassen nach. So hat der Autohersteller Daimler im ersten Halbjahr erstmals seit einem Jahrzehnt Verlust gemacht. Kurz zuvor musste Daimler seine Aktionäre gleich zweimal vor sinkenden Gewinnen warnen. Der Chemiekonzern BASF hatte bereits Anfang Juli seine Prognose gekappt. Dem folgte eine ganze Serie von gesenkten Prognosen, etwa durch den Softwareriesen SAP, den Maschinenhersteller Krones oder den Baustoffproduzenten Heidelberg Cement.

          Kein Zweifel besteht daran, dass sich die Lage in der Wirtschaft verschlechtert. Trotzdem ist eine lockere Geldpolitik als Stimulus für die Konjunktur umstritten. Sie führt auch dazu, dass Banken Strafzinsen auf bei der EZB geparktes Geld zahlen müssen und Sparer kaum noch Zinsen erhalten. Am Mittwoch hatte der Präsident des Sparkassenverbands in Baden-Württemberg gesagt, dass Strafzinsen auch für Kleinsparer nicht auszuschließen seien, sofern die Zentralbankzinsen langfristig auf niedrigem Niveau bleiben sollten. Wer sich Geld leiht, etwa als Investor oder Bausparer, profitiert von niedrigen Darlehenszinsen. Dadurch steigen jedoch die Preise etwa für Immobilien, sodass Schuldner immer höhere Kredite aufnehmen.

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