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Geldpolitik : "Gute Geschäfte für Spekulanten"

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Der Ökonom Jürgen von Hagen vom Zentrum für Europäische Integrationsforschung im Interview über das G-7-Treffen.

          2 Min.

          Ist das Leistungsbilanzdefizit der Vereinigten Staaten ein Risiko für die Weltwirtschaft?

          Nein. Der Einfluß des Leistungsbilanzdefizits auf den Dollarkurs wird erheblich überschätzt. Wenn man den Dollarkurs betrachten will, muß man auf das Leistungsbilanzdefizit des gesamten Dollar-Raums und nicht nur auf das Defizit der Vereinigten Staaten schauen. Alle Länder, vor allem die asiatischen, die ihre Währungen eng an den Dollar binden, absorbieren einen großen Teil des amerikanischen Leistungsbilanzdefizits. Das ist im Moment vor allem China, aber auch Japan. Insofern ist das Leistungsbilanzdefizit in seiner Relevanz für die Währungen weniger dramatisch, als das häufig dargestellt wird.

          Sie sehen keine Gefahr eines Dollar-Kollapses?

          Nein. Solange die asiatischen Länder gewillt bleiben, die Defizite der Vereinigten Staaten zu absorbieren, was sie im Moment und seit Jahren tun, gibt es keinen Grund anzunehmen, daß es zu noch stärkeren Verwerfungen zwischen den Währungen kommt. Ließen die Japaner den Yen aufwerten und die Chinesen den Renminbi, dann wäre das ein anderes Bild. Aber ich glaube nicht, daß es in naher Zukunft dazu kommt.

          Viele Europäer wünschen, daß die Vereinigten Staaten ihre Wirtschaft weniger stark anschieben. Sie sollten die Geldpolitik straffen und das Haushaltsdefizit reduzieren. Teilen Sie dieses Argument?

          Ich kann mir eigentlich nicht vorstellen, daß die europäischen Regierungen das wirklich ernst nehmen. Was wir im Moment an Bewegung in der europäischen Konjunktur sehen, wird zum großen Teil vom Ausland getragen. Es kann uns nur recht sein, wenn die amerikanische Konjunktur deutlich anspringt.

          Aber führt das amerikanische Leistungsbilanzdefizit nicht zu einer Euro-Aufwertung und gefährdet unsere Konjunktur?

          Man muß immer zwei Dinge sehen. Den relativen Preiseffekt, der über den Wechselkurs geht, und den Mengeneffekt, der über die Entwicklung des amerikanischen Sozialprodukts geht. Wer Amerika empfiehlt, den Aufschwung zu bremsen, will den Mengeneffekt drosseln in der Hoffnung, daß der Preiseffekt sich günstiger gestaltet. Ich glaube nicht, daß wir eindeutig sagen können, daß die Preiseffekte wichtiger sind als die Mengeneffekte. Im Moment gilt eher das Gegenteil. Durch die Bewegung in Amerika und der Weltwirtschaft kommt auch bei uns die Konjunktur wieder in Gang.

          Sollte die G 7 sich über angemessene Wechselkurse oder auf eine abgestimmte Wirtschaftspolitik einigen?

          Man sollte von solchen Vereinbarungen die Finger lassen. Solche Absprachen lassen sich nie durchhalten, weil der eine oder andere dann doch nicht tut, was er versprochen hat. Die Erfahrungen der achtziger Jahre zeigen, daß man mit solchen Absprachen sofort Unruhe an den Währungsmärkten hervorruft und den Spekulanten gute Geschäfte verschafft. Das ist aber schon alles.

          Können Interventionen die Verschiebungen im Wechselkursgefüge stoppen?

          Wechselkurse lassen sich längerfristig nur beeinflussen, wenn die Notenbanken nachliefern, was bei Erklärungen oder bei Interventionen behauptet wird. Das würde für den Euro-Raum bedeuten, die Zinsen weiter zu senken. Auch die EZB weiß, daß das zum jetzigen Zeitpunkt ungeschickt wäre. Gerade beginnt die Wirtschaft wieder, in Fahrt zu kommen. Zinssenkungen würden sofort dazu führen, daß wir schnell auch Preisauftrieb bekommen. Die EZB würde dann ihren Fehler vom April 1999 wiederholen.

          Was erwarten Sie von dem G-7-Treffen?

          Das Treffen wird sich in dem Spannungsverhältnis bewegen, daß man auf der einen Seite die Vereinigten Staaten dafür schilt, daß sie eine so starke fiskalische Expansion haben, und daß man auf der anderen Seite insgeheim froh ist, daß die amerikanische Wirtschaft ganz schön in Fahrt gekommen ist. Das letztere wirkt positiv auf die Weltwirtschaft. Man kann überlegen, ob die chinesische Wirtschaft besser bedient ist, wenn China über die nächsten 24 Monate den Wechselkurs allmählich aufwertet. Denn eigentlich müßte es in China intern zu Inflationseffekten kommen. Aber das müssen die Chinesen für sich selber entscheiden. Was Europa betrifft, sollten wir das tun, was normale große Volkswirtschaften tun, nämlich den Wechselkurs nicht allzu ernstzunehmen.

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