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Trotz Krisen : Warum die Märkte gelassen bleiben

Lockere Geldpolitik sorgt für Ruhe an den Finanzmärkten. Bild: dpa

Trotz Griechenland-Krise oder dem Kursrutsch in China bleiben die Finanzmärkte entspannt. Der Grund: Die Geldpolitik erinnert immer mehr an das späte 19. Jahrhundert. Das trägt zur Ruhe und Wohlfühlatmosphäre an den Märkten bei. Eine Analyse.

          Die griechische Krise hat es bisher nicht vermocht, die internationalen Finanzmärkte in Wallung zu versetzen. Der tiefe Fall der Aktienkurse in Schanghai sorgt seit wenigen Tagen für wachsende Aufmerksamkeit, aber noch nicht für große Sorgenfalten. Die im vergangenen Sommer begonnene Baisse des Ölpreises scheint ebenso auszulaufen wie die gleichzeitige Abwertung des Euros. Der Renditeverfall an den Anleihemärkten ist vor einigen Wochen zu einem Ende gekommen; seither hat eine kleine Gegenbewegung eingesetzt. Der deutsche Aktienmarkt sieht rund zehn Prozent unter seinem Kurshöchstständen nicht mehr exorbitant bewertet aus. Die Aussicht auf eine Leitzinserhöhung der Fed im weiteren Jahresverlauf schreckt nicht mehr. An den internationalen Finanzmärkten ist es - auf den ersten Blick vielleicht erstaunlich - ziemlich ruhig.

          Die Aussicht auf ein nach aktuellen Kriterien akzeptables, wenn auch nicht überschäumendes Wachstum der Weltwirtschaft ohne bedeutende Inflation oder Deflation ist sicherlich ein Grund, der zur Gelassenheit an den internationalen Finanzmärkten beiträgt. Die Wirtschaft der Vereinigten Staaten befindet sich nach einem auch durch schlechtes Wetter bedingten schwachen ersten Quartal nunmehr auf einem Pfad der Erholung. Ähnliches gilt für die Wirtschaft im Euroraum, wo ein zwischen 3 und 4 Prozent erwartetes Wirtschaftswachstum in Spanien ein höheres Gewicht besitzt als ein Konjunktureinbruch im viel kleineren Griechenland.

          Geldpolitik spielt eine bedeutende Rolle

          Sehr viel größer als Griechenland ist auch China, und hier befindet sich derzeit wohl das größte Risiko für die Wohlfühlatmosphäre an den internationalen Finanzmärkten. Solange weiterhin die Aussicht auf ein Wirtschaftswachstum von rund 7 Prozent im Reich der Mitte bestehen bleibt, sollten die Kurskapriolen an der Börse in Schanghai, wo der aktuellen Baisse eine extreme Hausse vorangegangen war, die internationalen Finanzmärkte nicht ernsthaft beunruhigen. Eine deutliche Reduzierung der Wachstumserwartung dürfte dagegen deutliche Spuren an den Märkten hinterlassen.

          Die derzeitige Ruhe an den Märkten ist aber nicht nur das Ergebnis eines annehmbaren Wirtschaftswachstums. Fraglos spielt auch die Geldpolitik eine bedeutende Rolle, und es stellt sich die Frage, ob diese Rolle auf Dauer eine vorteilhafte ist. Die traditionell skeptische Bank für Internationalen Zahlungsausgleich fürchtet, dass eine auf Dauer sehr lockere Geldpolitik mehr schaden als nutzen wird.

          Heute ist Edelmetal kein Anker mehr

          Tatsächlich lässt sich die Frage aufwerfen, ob nicht ein stiller Paradigmenwechsel in der Geldpolitik in Gang ist, der an die Situation vor gut einhundert Jahren erinnert. Im damaligen Goldstandard bestimmte sich das Preisniveau weniger durch die Geldpolitik als vielmehr durch das Edelmetall als Anker. Statt dessen betrieben die Zentralbanken damals eine Geldpolitik, die vor allem an der Stabilisierung des Finanzsystems ausgerichtet war. Dies galt für die Reichsbank in Berlin ebenso wie für die Bank of England.

          Heute existiert zwar kein Edelmetall als Anker, aber wiederum entsteht der Eindruck, dass die Geldpolitik keine rechte Kontrolle über das Güterpreisniveau besitzt: Trotz einer extrem lockeren Politik will es in vielen Ländern nicht einmal gelingen, die Inflationsrate auf magere 2 Prozent zu heben. Stattdessen betreiben die Zentralbanken spätestens seit dem Fall von Lehman Brothers eine Geldpolitik, die auf ein schwach kapitalisiertes Bankensystem Rücksicht nimmt, das hohe Forderungen an hochverschuldete Staaten und Privatpersonen in seinen Büchern trägt.

          Geldpolitik sei in der Lage Banken zu heilen

          Die Anforderungen an die Geldpolitik werden, ausgehend von der englischsprachigen Welt, immer größer. Vor gut 100 Jahren galt das auf den Briten Walter Bagehot zurückgehende Prinzip, wonach eine Zentralbank einer Geschäftsbank nur gegen gute Sicherheiten im Falle einer Liquiditätsnot, aber nicht im Falle einer Insolvenz helfen sollte. In Deutschland gibt es seit Wochen Zweifel, dass sich die EZB in Griechenland noch an dieses Prinzip hält. Heute weisen, wie in diesen Tagen auf einer Konferenz der Bundesbank, britische und amerikanische Ökonomen darauf hin, dass die Geldpolitik in jedem Falle helfen sollte, weil sie in der Lage sei, insolvente Banken zu heilen.

          Weil die Banken als das fragilste Glied in der Kette gelten, trägt diese Geldpolitik zur Ruhe an den Finanzmärkten bei. Niemand an den Märkten glaubt heute ernsthaft, ein eventueller „Grexit“ könnte ähnliche Folgen haben wie der Zusammenbruch von Lehman Brothers. Aber eine Geldpolitik, die nicht nur in tiefen Krisen, sondern auf lange Sicht neben den Banken vor allem den Schuldnern hilft, ist nicht frei von Kosten und Risiken.

          Die Kursverluste an den Anleihemärkten seit Mai haben zwar an den Finanzmärkten die Erkenntnis reifen lassen, dass sich Zentralbanken nicht gegen alle Kursausschläge stemmen werden. Immer noch existiert ein Grundvertrauen in die Fähigkeit der Geldpolitik, im Falle des Falles Märkte zu stabilisieren. Diese Nonchalance überschätzt nicht nur die Macht der Geldpolitik. Marktteilnehmer müssen auf eigenen Füßen stehen.

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