https://www.faz.net/-gqe-9ufz9

Zinsdebatte : Sparschwemme oder Geldschwemme?

  • -Aktualisiert am

Frisch gedruckte Dollar-Scheine laufen in Washington vom Band. Bild: AFP

Viele Makroökonomen – zuletzt Alexander Ludwig in der F.A.Z. – meinen, die Geldpolitik habe langfristig keinen Einfluss auf den natürlichen Zins. Doch die Niedrigzinsen sind zu einem erheblichen Teil monetär bedingt. Ein Gastbeitrag.

          5 Min.

          In mehreren Beiträgen in der F.A.Z. wurde kürzlich behauptet, die „wahren“ Gründe für die anhaltend niedrigen beziehungsweise negativen Zinsen lägen in realen Ursachen, nicht aber bei der Geldpolitik. Übereinstimmend erklären dies der Frankfurter Ökonom Alexander Ludwig (F.A.Z vom 13. Dezember) und Philip Lane, der neue Chefvolkswirt der EZB (F.A.Z. vom 2. Dezember). Die Geldpolitik könne den Zins nur kurzfristig beeinflussen, folge aber im Übrigen mit ihrer Politik nur der Marktentwicklung des natürlichen Zinses. Dieser aber sei bereits seit 35 Jahren rückläufig und inzwischen sogar negativ. Als wesentliche Ursache wird die sogenannte Sparschwemme genannt, eine Idee, die von dem ehemaligen Chef der amerikanischen Notenbank, Ben Bernanke, in die Welt gesetzt wurde.

          Demnach sparen die um ihre Alterssicherung besorgten Bürger mehr, als die Unternehmen sinnvoll investieren können. Hinzu komme ein rückläufiger technischer Fortschritt, ein relativ sinkender Kapitalbedarf unter anderem aufgrund steigender Dienstleistungsanteile im BIP und ein insgesamt nachlassendes Wachstumstempo – alles Faktoren, die tendenziell die Renditen senken. Als Clou wird eine zunehmende Staatsverschuldung empfohlen, um die Zinsen wieder anzuheben und die – in der Tat beträchtlichen – Defizite in der öffentlichen Infrastruktur auszugleichen. Diese Argumentation stellt die gängige Erklärung quasi auf den Kopf: Nach der Geldschwemmenthese hat nämlich erst die hyperexpansive Geldpolitik der Notenbanken die Zinsen auf die aktuellen Niedrigwerte gedrückt.

          Ursprünglich geschah dies, um die Dotcom-Krise Anfang des Jahrtausends und später die Finanzkrise 2008 zu überwinden, dann aber hauptsächlich mit dem Ziel, die überbordenden Staatschulden in vielen Ländern fiskalisch leichter tragbar zu machen. Nach dieser These wurde der natürliche Zins künstlich nach unten manipuliert, womit die Sparer zugunsten überschuldeten Staaten und Banken geschädigt wurden. Die daraus folgende Therapie wird konsequenterweise in einem Abbau der Staatschuldenquoten und der Rückkehr zu einer weniger expansiven Geldpolitik gesehen.

          Die „wahre“ Erklärung?

          Wer hat nun recht? Darüber streitet die Wissenschaft derzeit sowohl auf theoretischer als auch auf empirischer Ebene. Es verwundert wenig, dass die Sparschwemmentheorie vor allem von keynesianischen und den Zentralbanken nahestehenden Ökonomen vertreten wird. Nicht nur liegen die sich daraus ergebenden Schlussfolgerungen ohnehin ganz auf ihrer Linie, auch ihr theoretischer Hintergrund lässt kaum etwas Anderes erwarten. Denn in der modernen keynesianischen Makroökonomik kommt das Geld eigentlich gar nicht mehr vor. Stattdessen wird der Gleichgewichtszins rein realwirtschaftlich erklärt. Die Zentralbanken nehmen gemäß der Taylorgleichung nur dann auf ihn Einfluss, wenn entweder die Konjunktur oder die Inflationsentwicklung dies erfordert. Langfristig aber ist die Geldpolitik ohne Einfluss auf den natürlichen Zins, wie Ludwig, Lane und viele andere Makroökonomen erklären.

          Der Ökonom Ulrich van Suntum

          Auch in ihren empirischen Schätzungen des natürlichen Zinses wird die Geldpolitik als möglicher Erklärungsfaktor meist ausgeschlossen, womit das rein reale Erklärungsergebnis bereits von vorneherein feststeht. Das dann als die „wahre“ Erklärung darzustellen, ist schon recht mutig, um es vorsichtig auszudrücken. Claudio Borio, der Chefvolkswirt der BIZ und andere haben dieses Vorgehen zu Recht kritisiert und gezeigt, dass empirisch durchaus ein erheblicher Anteil der Zinssenkungen monetär bedingt ist.

          Deflationäre Tendenzen 

          Auch theoretisch ist seit langem bekannt, dass die Geldpolitik den natürlichen Zins sehr wohl auch langfristig beeinflussen kann. Bereits 1951 hat Lloyd A. Metzler in einem berühmten Aufsatz im „Journal of Political Economy“ gezeigt, wann und wie dies geschieht. Dazu muss man wissen, dass das Geld heutzutage fast ausschließlich als sogenanntes Kreditgeld in den Umlauf gelangt: Anders als beim „Helikoptergeld“ wird es von den Zentralbanken nicht einfach an den Staat oder die Bürger verschenkt, sondern lediglich verliehen.

          Weitere Themen

          Aktienkurse stürzen weiter ab Video-Seite öffnen

          Wall Street : Aktienkurse stürzen weiter ab

          An der New Yorker Börse sind die Aktienkurse weiter abgestürzt. Der Dow Jones schloss 4,4 Prozent tiefer auf 20.943 Punkte. Damit setzt sich Talfahrt der vergangenen Wochen fort.

          Topmeldungen

          Wer mit seinem Vermieter redet, hat immerhin eine Chance, dass der die Miete von sich aus reduziert.

          Corona-Krise : Von wegen keine Miete zahlen!

          Viele Menschen in Deutschland glauben, sie müssten wegen des jüngst beschlossenen Corona-Hilfen-Gesetzes ihre Miete nicht zahlen. Das ist ein Fehler – und kann sehr teuer werden!

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.