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Geldpolitik : Draghis Bertha

Dicke Bertha mit Mannschaft an der Westfront im Ersten Weltkrieg Bild: INTERFOTO

EZB-Chef Mario Draghi hat mit der „Dicken Bertha“ gefeuert. Den schweren Mörser aus dem ersten Weltkrieg hat er als Metapher für eine nie dagewesene Geldschwemme gewählt. Ist die Schuldenkrise jetzt vorbei?

          Endlich herrscht in Brüssel wieder entspannte Gipfelroutine. Keine Nachtsitzungen mehr, kein Zittern vor den Märkten, dafür vollmundige Ankündigungen. Ab heute wird wieder das Wirtschaftswachstum gesteigert, haben die Staats- und Regierungschefs der EU beschlossen. Ist die Schuldenkrise vorbei? Könnte man meinen. Die Renditen spanischer und italienischer Staatsanleihen sind im Sturzflug und die Aktienkurse von Banken schnellen nach oben. Was ist passiert?

          Die „Dicke Bertha“ hat gefeuert. Den schweren Mörser aus dem ersten Weltkrieg mit unglaublichem Kaliber hat Mario Draghi als treffende Metapher für eine nie dagewesene Geldschwemme der Europäischen Zentralbank gewählt - und durchschlagende politische und kommunikative Wirkung erzielt. Den ersten Schuss in Form eines Dreijahrestenders von fast einer halben Billion Euro quittierten Banken und Anleger noch mit stiller Freude. Der zweite Schuss von mehr als einer halben Billion (nun unter dem Kriegsnamen Bertha) erlöste die Euro-Retter. Jetzt streiten sie nicht länger über Sparpakete und fehlende Wettbewerbsfähigkeit. Dank der „Bertha“ des EZB-Präsidenten machen sogar Wackelbanken wieder Gewinn, indem sie mit billigem Geld der Zentralbank die Krisenstaaten finanzieren und den Zinsaufschlag einstreichen. Banken lieben den „free lunch“, den risikolosen Gewinn, für den die EZB zur Not mit Käufen von Staatsanleihen sorgt. So groß wie behauptet können Kreditklemme und Liquiditätsmangel nicht sein, wenn man sieht, wie viel Geld die Banken bei der EZB parken und wie stabil die Wirtschaftsentwicklung in Euroland ist.

          Nicht nur den Banken, sondern auch den Krisenstaaten nimmt die EZB den Druck zur Anpassung. Das zeigen die unverändert hohen Preise und Defizite in Griechenland oder Spanien. Ungeachtet aller Sparversprechen geben diese Staaten einfach weiter mehr Geld aus, als sie einnehmen. Heute füllt die Lücke nicht mehr der klassische Kredit, sondern die Zentralbank mit ihrem Zahlungssystem Target. Darüber kann ein Krisenstaat so wie ein Privatmann beim Kiosk um die Ecke anschreiben lassen, nur unbegrenzt, etwa bei der Bundesbank.

          Mit dem Fiskalpakt werde künftig alles gut, versprechen die Rettungseuropäer. Doch wieso soll ein zwischenstaatliches Abkommen besser wirken als der völkerrechtliche Vertrag von Maastricht? Warum soll ein Krisenstaat wettbewerbsfähig werden, wenn er sich nicht mehr am Markt zu finanzieren braucht und andere sein Defizit automatisch ausgleichen?

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