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Geldpolitik : Die Finanzmärkte erwarten von der EZB eine Zinssenkung

Andererseits würde eine Zinssenkung die Lage kurzfristig kaum verbessern. Schon jetzt wirkt die Geldpolitik nach Berechnungen von Bankvolkswirten expansiv und schiebt die Wirtschaft an. Die Investitions- und Konsumneigung wird jedoch durch die Unsicherheit über einen Irak-Krieg gebremst, heißt es. Ob eine Zinssenkung damit aktuell Vertrauen schaffen kann, hat Duisenberg selbst noch im Februar abgestritten. Damals hatte er den Verzicht auf eine Zinssenkung damit begründet, dass diese „wie ein Tropfen im Meer der Unsicherheit untergehen würde“. Ist die Lage heute wirklich anders, fragen Beobachter.

„Wachstums-, nicht inflationsorientiert“

Eine Zinssenkung würde viele Volkswirte in ihrer Meinung bestätigen, dass die EZB seit dem starken Zinsschritt im Dezember um einen halben Prozentpunkt nach unten eher wachstums- als inflationsorientiert agiert - was eigentlich nicht ihrer Aufgabe entspricht. Aus strategischer Sicht kann dieser Eindruck der EZB nicht recht sein.

Mit Blick auf die Inflationsaussichten läuft die EZB ohnehin auf ein Kommunikationsproblem zu. Seit Monaten vertreten die EZB-Vertreter die Meinung, dass die Inflationsrate in diesem Jahr unter die auf mittlere Sicht angepeilte Marke von zwei Prozent fallen werde. Wie schon in den vergangenen Jahren könnte diese Erwartung trügen: Der überwiegend Irak-bedingte Ölpreisanstieg kann einen Fall der Inflationsrate zumindest nach hinten hinauszögern. In den Erzeuger- und Verbraucherpreisen sind die Spuren des höheren Ölpreises schon sichtbar. Im Februar stieg die Inflationsrate nach vorläufigen Angaben von 2,2 auf 2,3 Prozent. In der öffentlichen Wahrnehmung kann dies Bedenken gegen eine EZB-Zinssenkung auslösen.

Das gilt umso mehr, als die EZB die im Januar wieder deutlich beschleunigt gewachsene Geldmenge M3 erneut gering gewichten dürfte. Schon seit Monaten begründet die EZB das deutlich über dem Referenzwert liegende Geldmengenwachstum mit der Unsicherheit der Anleger, die über eine Flucht in kurzfristige Geldmarktpapiere das aktuelle Geldmengenplus „überzeichnen“. Angesichts des schwachen Wirtschaftswachstums sei auf Dauer nicht absehbar, dass die hohe Liquidität sich in Inflationsdruck entlade. Dafür spricht auch, dass die Kredite nur auf mäßigem Niveau wachsen. Dennoch wird es der EZB zunehmend schwerer fallen, mit dieser Argumentation von der reichhaltigen Liquidität im Euro-Raum abzulenken, die auf Dauer inflationstreibend sein kann.

Strategische Erwägungen könnten dominieren

Gegen Inflationsdruck spricht indes die Euro-Aufwertung, die auch Wachstumsperspektiven dämpft und insoweit eine Zinssenkung stützen würde. Hier ist die Frage, ob der EZB-Rat die Euro-Aufwertung als dauerhaft einschätzt.

Möglicherweise aber überwiegen im EZB-Rat am Donnerstag allein strategische Überlegungen. Eine Zinssenkung jetzt würde schnell zurückgenommen werden müssen, wenn die Irak-Krise doch noch zu einem friedlichen Ende käme und die von Unsicherheit befreite Wirtschaft begänne, sich aus der Lähmung zu befreien. Eine Zinssenkung dürfte auch schnell zurückgenommen werden müssen, wenn ein Irak-Krieg schnell zu Ende ginge und Öl wieder ohne Risikoprämie gehandelt würde.

Wenn eine Zinssenkung aber ohnehin vor allem dazu dienen soll, angesichts der Kriegssorgen Vertrauen zu schaffen, könnte die EZB auch erst mit Kriegsbeginn handeln, meint etwa Joachim Fels von Morgan Stanley. Damit wäre sichergestellt, dass die Finanzmärkte die Zinssenkung als temporäre und außergewöhnliche Maßnahme deuten würden. Bei einem Zinsschritt schon am Donnerstag bliebe sonst immer die Frage offen: Und was macht die EZB, wenn es tatsächlich zum Krieg kommt?

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