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Geldpolitik : Amerikas Konjunktursorgen fordern die Währungshüter

  • -Aktualisiert am

Die amerikanische Notenbank hat die Geldschleusen abermals geöffnet. Dabei sollten sich die Währungshüter vor Aktionismus hüten. Denn eine kluge Politik ist eine Politik des knappen Geldes. Zu viel Liquidität leistet nur einer neuen Preisblase Vorschub.

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          Die amerikanischen Währungshüter sorgen sich um die Konjunktur. Zum dritten Mal innerhalb von drei Monaten hat der geldpolitische Rat um seinen Vorsitzenden Ben Bernanke die Geldschleusen ein Stück weiter geöffnet in der Hoffnung, die Spannungen an den Finanzmärkten zu überwinden und zu verhindern, dass Amerika zum ersten Mal seit fast sieben Jahren in eine Rezession gleitet. Ob die zusätzliche Liquidität den Zweck erfüllt und die Konjunktur stabilisiert, wird sich zeigen. Zweifel sind angebracht, denn die Möglichkeiten der Federal Reserve zur Glättung des Wirtschaftszyklus durch ein schnelle Zinssenkung sind begrenzt.

          Richtig liegen die Notenbanker aber wohl mit ihrer Einschätzung, dass sich die Risiken für das Wachstum in den vergangenen Monaten spürbar erhöht haben: Gefahren lauern in der ausgeprägten Schwäche des Immobilienmarktes, der Krise auf dem Hypothekenmarkt, die auf die Märkte für andere Kredite überschwappt, und auch im hohen Ölpreis. Die Finanzierungsbedingungen nicht nur für Hausbesitzer, sondern auch für Unternehmen haben sich verschlechtert. Das ist nicht gut für die Konjunktur, denn so werden Investitionen aufgeschoben.

          Negativer Vermögenseffekt

          Im Mittelpunkt der Überlegungen stehen jedoch die amerikanischen Verbraucher. Sie haben sich in den vergangenen Jahren durch nichts erschüttern lassen und mit ihrer Konsumfreude, die rund zwei Drittel zur Wirtschaftsleistung beiträgt, den Aufschwung entscheidend angetrieben. Das könnte sich nun ändern. Die Stimmung in den Haushalten hat sich unter dem Eindruck der Turbulenzen an den Märkten und der steigenden Preise für Benzin und Heizöl zuletzt stark getrübt. Die fallenden Immobilienpreise dürften zu einem „negativen Vermögenseffekt“ führen: Hausbesitzer, die den Wert ihres Heims schwinden sehen, dürften ihre Sparleistung zu Lasten des Verbrauchs erhöhen, um einen Ausgleich für ihr schrumpfendes Immobilienvermögen zu schaffen. Wie stark die Konjunktur dadurch gebremst wird, lässt sich noch nicht sagen. Bisher hält sich der Preisrückgang für Häuser und Wohnungen in Grenzen, doch es ist wahrscheinlich, dass aus der Immobilienblase noch für einige Zeit weitere Luft entweicht.

          Die Konjunkturrisiken existieren damit nicht nur in der abstrakten Modellwelt von Bankvolkswirten an Wall Street, sie sind konkret. Dennoch besteht kein Grund, die Aussichten für Wachstum und Beschäftigung ausschließlich in düsteren Farben zu zeichnen. Die amerikanische Wirtschaft verfügt wie kaum eine andere hochentwickelte Volkswirtschaft über eine hohe Flexibilität. Das macht sie widerstandsfähig. Ein Blick auf den Arbeitsmarkt zeigt deutlich: In jenen Zweigen, die direkt oder auch mittelbar mit dem Häusermarkt zusammenhängen, werden Stellen abgebaut. Doch anderswo, insbesondere im Gesundheitswesen, in Krankenhäusern, Arztpraxen und Pflegeheimen, wächst die Beschäftigung ungebrochen. Die Arbeitslosenquote beträgt 4,7 Prozent, im historischen Vergleich ein sehr guter Wert. Fortgesetzt ordentliche Lohnzuwächse stützen den privaten Verbrauch ebenfalls.

          Kein Bärenmarkt

          Einen positiven Wachstumsimpuls liefert der Export. Amerikanische Unternehmen profitieren von der Wechselkursschwäche des Dollar und melden steigende Aufträge von ausländischen Kunden. An Wall Street schwanken die Kurse beträchtlich, wie auch die Enttäuschung über den jüngsten Zinsschritt zeigt. Doch obwohl sich die Notierungen etwas vom Rekordniveau vom Oktober entfernt haben, kann von einem „Bärenmarkt“ und von großer Rezessionsangst an der Börse keine Rede sein.

          Die angemessene Antwort der amerikanischen Wirtschaftspolitik liegt nicht im hektischen Handeln. Eine Reform der Unternehmensteuer, über die in Washington diskutiert wird, ist wünschenswert, um die Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen zu sichern. Sie darf aber nicht um den Preis einer verschleppten Haushaltskonsolidierung ins Werk gesetzt werden.

          Gefahr vor neuer Preisblase

          Vor allem freilich muss sich die Geldpolitik vor Aktionismus hüten. In den vergangenen 25 Jahren befand sich die amerikanische Wirtschaft nur während 16 Monaten in einer Rezession; im Vierteljahrhundert zuvor waren es 64 Monate, in denen das Bruttoinlandsprodukt schrumpfte. Die Glättung der Konjunkturschwankungen ist nicht etwa einer großzügigen Versorgung der Wirtschaft mit frischer, billiger Liquidität in Schwächephasen zu verdanken, sondern einer klugen Politik des knappen Geldes. Die Stabilisierung der Inflationserwartungen des Publikums auf niedrigem Niveau hat entscheidend dazu beigetragen, das Auf und Ab im Wirtschaftszyklus zu verringern. Rezessionen sind nicht nur seltener geworden, sie fallen dank einer stabilitätsorientierten Geldpolitik auch milder aus.

          Die Währungshüter haben gewiss den Auftrag, die Funktionsfähigkeit des Finanzsystems im Notfall durch vorübergehende Finanzspritzen sicherzustellen. Diesem Zweck dient die Schaffung einer neuen Kreditfazilität, die die Fed im Einvernehmen mit anderen Notenbanken am Mittwoch beschlossen hat. Bernanke und seine Kollegen dürfen darüber aber nicht ihr Versprechen vernachlässigen, den Geldwert stabil zu halten. Zu viel Liquidität leistet nur einer neuen Preisblase Vorschub.

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