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Geldanlage : Die üblen Kerle aus Göttingen

  • -Aktualisiert am

Auf der Brust von Fredi Bobic: 1997 war die Göttinger Gruppe Werbepartner der Schwaben Bild: picture-alliance / dpa

Als Sponsor des VfB Stuttgart wurde die Göttinger Gruppe einem Millionenpublikum bekannt. Heute steht der Name für einen der größten Anlageskandale in Deutschland. Mehr als 100.000 Anleger haben ihr Geld verloren. Manche müssen gar mit weiteren Forderungen rechnen.

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          Seinen größten Coup landete Erwin Zacharias vor zehn Jahren. Damals stach der Gründer der Göttinger Gruppe das Schokoimperium "Ritter Sport" aus und wurde Sponsor des VfB Stuttgart. In den Trikots feierte der Verein am 14. Juni 1997 in Berlin seinen Pokalsieg gegen Cottbus.

          Ein Millionenpublikum nahm so nebenbei einen Finanzkonzern wahr, der bereits mit Milliarden jonglierte, dessen "Schneeballsystem" aber heftig umstritten war. Doch das wollte keiner hören, prominente Politiker schon gar nicht.

          Kinderfest im Kanzleramt

          Warum wohl? Mit dem Ex-Minister und VfB-Präsidenten Gerhard Mayer-Vorfelder schloss Zacharias schließlich einen lukrativen Werbevertrag. Das Kinderfest im Kanzleramt sponserte er in der Ära Helmut Kohl gleich mehrmals. In den Werbeprospekten der Gruppe taucht Zacharias wechselweise auch mit Ex-Außenminister Hans-Dietrich Genscher und Ex-Wirtschaftsminister Otto Graf Lambsdorff auf (siehe auch: Meine Zeit mit Erwin Zacharias). Selbst Professoren ließen sich für die Gruppe einspannen.

          Firmensitz in Göttingen
          Firmensitz in Göttingen : Bild: dpa

          "Statt die Geschäftstätigkeit des unseriösen Unternehmens zu unterbinden, ließen sich namhafte Politiker hofieren", kritisiert Medard Fuchsgruber vom Bund der Kapitalanleger. Das habe "maßgeblich zum Erfolg der Abzockergruppe beigetragen".

          Kein Wunder also, dass es zehn weitere Jahre dauerte, bis das ganze Ausmaß eines der größten Anlageskandale in Deutschland sichtbar wurde. Vergangene Woche ergingen mehr als 170 Haftbefehle gegen Verantwortliche der Gruppe, um sie zur eidesstattlichen Versicherung zu zwingen. Es war der entscheidende Schlag, der das über zwei Jahrzehnte aufgebaute, gewaltige Kartenhaus endlich zum Einstürzen brachte. Die Göttinger Gruppe steht nun vor dem Aus, ihre Tochtergesellschaften sind teilweise zahlungsunfähig oder stehen kurz vor der Insolvenz.

          Anleger erkannten die Risiken nicht

          Für mehr als 100.000 Sparer ist das eine Katastrophe - in mehrfacher Hinsicht. Denn vielfach sind nicht nur ihre Einzahlungen weg, insgesamt geht es um Beträge in Milliardenhöhe. Die Anleger müssen darüber hinaus sogar mit weiteren Geldforderungen rechnen, wenn erst einmal der Insolvenzverwalter die Regie übernommen hat.

          Wie ist das möglich? Das liegt an einem Anlagemodell, das mit großartigen Renditeversprechen beworben wurde und mit Steuervorteilen lockte, dessen Risiken die Anleger aber nicht erkannten oder nicht erkennen wollten. Viele beteiligten sich als Unternehmer sowohl an den Gewinnen wie den Verlusten diverser Projekte - und das teilweise bis zu 40 Jahre lang.

          Kritiker sprachen früh von einem "Schneeballsystem", wogegen die Göttinger Gruppe lange erfolgreich juristisch vorging. Dass sie so ein Aufhebens machte, hatte einen Grund: Nur bei gutem Leumund konnte die Gruppe so lange überleben, weil sie nur so immer neues Geld von Anlegern bekam. Das brauchte die Gruppe, um ihren wachsenden Geldbedarf zu decken: Manche Anleger hatten Anrecht auf Rückzahlungen. Woher nehmen, wenn die Gelder sich nicht verzinsten, sondern sich in Verluste verwandelten oder als Gebühren und Provisionen in der weitläufigen Gruppe versickerten?

          Pflichten als Mitunternehmer

          "Versprochen wurde ein Sparplan für die Altersvorsorge", erklärt der Bund der Kapitalanleger das System. "In Wahrheit handelte es sich um riskante Unternehmensbeteiligungen, was aber mit klangvollen Produktnamen wie PensionsSparPlan oder SecuRente kaschiert wurde."

          Erst relativ spät schlugen sich die Gerichte auf die Seite der Anleger. Da hatte die Göttinger Gruppe den Vertrieb ihres wichtigsten Produktes schon eingestellt. Seit 2000 wird die Securente nicht mehr verkauft, Geld aus alten Verträgen fließt dennoch weiter.

          Ein Schlussstrich wird auch durch die zu erwartende Insolvenz noch nicht gezogen. "Weil sich die Anleger an der Göttinger Gruppe regelrecht beteiligt haben, drohen ihnen im Insolvenzfall die Pflichten von Mitunternehmern", warnt Anlegerschützer Fuchsgruber. "Im schlimmsten Fall müssen sie anteilig für die Schulden der Göttinger Gruppe geradestehen." Selbst Ex-Anleger müssen befürchten, dass der Insolvenzverwalter nun bei ihnen noch Geld eintreibt.

          Stille Beteiligung

          Betroffen sind vor allem jene Göttinger-Anleger, deren Anlagemodell eine atypisch stille Beteiligung beinhaltet und die damit sowohl an den Gewinnen wie Verlusten der jeweiligen Unternehmen beteiligt sind. Bei Forderungen sollten Betroffene einen Rechtsanwalt zuziehen.

          "Besonders aufpassen sollten Anleger, die von der Göttinger Gruppe gewinnunabhängige Auszahlungen erhalten haben", warnt zudem der Sieburger Rechtsanwalt Hartmut Göddecke, ein Spezialist auf diesem Feld. Dieses Geld versucht der Insolvenzverwalter womöglich zurückzuholen, wenn er die Ausschüttungen als verbotene Rückerstattung von Eigenkapital ansieht. Auch zuletzt abgeschlossene Vergleiche mit der Gruppe könnten noch angefochten werden - bis zu einem Jahr nach Abschluss.

          Gründer Erwin Zacharias muss sich um diese neuen Nöte seiner Anleger übrigens schon lange nicht mehr kümmern. Bereits 2001 trennte er sich von der Gruppe.

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