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Gehard Cromme : Traumjob Ruhrbaron

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Die Lage ist auch deshalb so unübersichtlich, weil die Rolle Crommes in der deutschen Wirtschaft eine ganz spezielle ist: Der Klassensprecher der Bosse wird nicht per Handzeichen gewählt, und auch nicht mit Klassendresche der großen Jungs aus dem Amt gejagt. Fein sind die Mechanismen der Macht: Wer gehört dazu, wer nicht? Wer wird eingeladen zu den Hochämtern der Industrie? Wer sitzt an welchem Tisch? Wer wechselt mit wem ein herzliches Wort?

Wenig Freunde?

Zu Heinrich von Pierer, dem einstigen Duz-Freund Crommes und selbst eine Art Vorgänger als Doyen unter den Managern, reicht es nur noch zu professioneller Höflichkeit. Zwischen den beiden ist nichts mehr zu kitten. Pierer wurde nicht nur des Amtes bei Siemens enthoben, sondern in den gesellschaftlichen Abgrund gestoßen. Verständlich wäre, wenn er sich klammheimlich freute, wenn andere Cromme an den Karren fahren. Er möchte zu dem Thema nichts mehr sagen, teilt Heinrich von Pierer mit. Die „Methode Cromme“ ist unter seinen Feinden sprichwörtlich geworden: Läuft etwas schief, werden andere in die Wüste geschickt, er selbst steht, zumeist munitioniert mit juristischen Gutachten, am Ende mit sauberen Händen da. Unnötig, zu erwähnen, dass Cromme darin eine grobe Verdrehung der Tatsachen sieht:

Wenn er durchgreift, so seine Erzählung, dann nur deshalb, weil Versager im Management sich ihrer Verantwortung nicht stellen - und hinterher wagen sie es dann auch noch, mit Dreck nach ihm zu werfen. Ungehörig das alles. Und in keinem Fall ein Grund zu weichen. Auch wenn es immer heißt, er habe wenig Freunde: Soll er sein Privatleben in den bunten Blättern ausbreiten, nur um zu beweisen, dass er nicht vereinsamt am Wochenende?

Cromme gehört zu der Sorte Wirtschaftsführer, die einen unsentimentalen Blick auf menschliche Beziehungen haben: „Echte Freundschaft“, hat er im Interview mit dieser Zeitung mal gesagt, „wächst da, wo es keine Eigeninteressen gibt“ - unter Managern folglich eher nicht. Insofern treffen Cromme die Angriffe auf seine Person nicht unvorbereitet. Dafür, dass sie ihn angeblich kaltlassen, legt er allerdings hohen Eifer an den Tag: Potentiellen Verschwörern, hochrangigen Leuten mitunter, telefoniert er hinterher, um herauszufinden: Wer ist Freund? Wer ist Feind?

Schwierige Lage bei Thyssen-Krupp

Zählen kann er wohl auf so einflussreiche Leute wie Werner Wenning, Aufsichtsratschef von Eon und Bayer, der jetzt ein Mandat in Crommes Siemens-Reich übernimmt, auch IG-Metall-Chef Berthold Huber stützt ihn dort, ebenso Ex-Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann, der lässt - obwohl gegenwärtig in Peking als Berater der chinesischen Bankenaufsicht unterwegs - nichts auf Cromme kommen. Er habe ihn „als hervorragenden Wirtschaftsführer kennen- und schätzengelernt“, betont Ackermann.

An einer Tatsache freilich kommt niemand vorbei: Die Lage von Thyssen-Krupp ist prekär, der Konzern hat die Hälfte seines Börsenwertes eingebüßt nach tolldreisten Fehlinvestitionen in Brasilien und Amerika. Die Kontrolleure haben es geschehen lassen. Von einem Versagen wollen sie trotzdem nichts wissen. Der Vorstand war’s. Der hat sie getäuscht.

Neuanfang

Angeblich urteilt auch der allmächtige Berthold Beitz so, und das ist für Gerhard Cromme das Wichtigste. Das Verhältnis zwischen den beiden sei ungetrübt, erzählen Vertraute. Erst am Freitag hätten die beiden telefoniert. Cromme solle die bösen Schlagzeilen ignorieren, habe ihm der Alte geraten, um den Kopf für das Wesentliche frei zu haben: den Neuanfang von Thyssen-Krupp. Die Rettung aus eigener Kraft.

Die Hoffnung ist geknüpft an einen Namen: Heinrich Hiesinger, der von Siemens abgeworbene Vorstandsvorsitzende, ein schwäbischer Bauernbub, ist von Herkunft wie Werdegang alles andere als ein Ruhrbaron. Vom Stahl will der Neue wenig wissen. Thyssen-Krupp soll zum Technologiekonzern werden, von den globalen Megatrends profitieren: Urbanisierung, demographischer Wandel, all das. Haargenau so reden sie noch in einem anderen deutschen Vorzeigekonzern. Siemens heißt der, was immer mal wieder Gerüchte beflügelt, der doppelte Chefaufseher Cromme könnte, allen Dementis zum Trotz, die beiden Firmen eines Tages zu einem großen Ganzen zusammenbinden.

Mensch und Unternehmen

Gerhard Cromme wird am 25. Februar 1943 in Vechta geboren, sein Vater war Studienrat für Latein und Griechisch. Das Studium (Jus und VWL) beendete er als Dr. jur. Die Karriere als Manager beginnt Cromme 1971 im französischen Unternehmen Saint-Gobain. 1986 wechselt er als Vorstandsvorsitzender zu Krupp Stahl. Den Konzern fusioniert er 1992 mit Hoesch und fünf Jahre später mit Thyssen. 2001 scheidet er aus dem Vorstand aus. Seither hat er diverse Mandate in Aufsichtsräten; im Springer Konzern scheidet er demnächst aus, bei Thyssen-Krupp und Siemens.

Der Konzern Thyssen-Krupp ist von Gerhard Cromme 1999 zusammengefügt worden aus Hoesch-Krupp und der Thyssen AG. Heute sitzt das Unternehmen in Essen und gehört zu 25,33 Prozent der Alfried Krupp von Bohlen und Halbach-Stiftung, über die der 99jährige Berthold Beitz, der legendäre ehemalige Krupp-Chef, in der historischen Villa Hügel wacht. Thyssen-Krupp beschäftigt heute rund 180000 Menschen< in 80 Ländern, der Umsatz belief sich 2010/11 auf mehr als 49 Milliarden Euro, der Verlust lag bei 1,8 Milliarden Euro. Die Zahlen für das Geschäftsjahr 2011/12 legt der Konzern am Dienstag vor.

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