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Trotz Vollbeschäftigung : Warum steigen unsere Löhne nicht mehr?

Dass die Löhne so bescheiden steigen, hat aber noch weitere Gründe. Zwar folgt die Lohnentwicklung der Produktivität. Wie viel von diesem Spielraum die Arbeitnehmer für sich rausholen, liegt aber an ihrer Verhandlungsmacht, die wiederum (auch) an die Beschäftigungssituation gekoppelt ist. Dabei zeigt sich: Es schwächelt nicht nur die Lohnentwicklung, sondern auch die Tarifmacht der Gewerkschaften. Seit den achtziger Jahren geht der Grad gewerkschaftlicher Organisation kontinuierlich in fast allen Industrieländern zurück. Waren nach OECD-Zählung im Jahr 1985 dreißig Prozent der Arbeitnehmer Mitglieder einer Gewerkschaft, so sind es heute nur noch 17 Prozent. Der einzelne Arbeitnehmer hat gegenüber seinem Boss eine schwächere Verhandlungsposition, zumal die Arbeitgeber in Zeiten der Globalisierung international an andere Standorte ausweichen können, wo sie womöglich besser und billiger Arbeiter finden. Das könnte ein weiterer Grund sein, warum die annähernde Vollbeschäftigung in einer globalisierten Welt keinen stärkeren Lohndruck ausübt.

Dass die Macht der Arbeitnehmer im Schwinden ist und die der Konzerne zunimmt, zeigt sich schließlich auch in der sogenannten Lohnquote. Lange Zeit galt es als „eine Art Wunder“ (John Maynard Keynes), dass den Arbeitnehmern etwa zwei Drittel der gesamten Wirtschaftsleistung zufließen, den Eigentümern des Kapitals dagegen ein Drittel. Seit etwa drei Jahrzehnten sinkt der Anteil der Arbeitnehmer: Im Amerika liegt die Lohnquote inzwischen bei unter 60 Prozent. In Deutschland ging sie von 74 auf heute etwa 66 Prozent zurück.

Der Gewinner bekommt alles

Auch bei der fallenden Lohnquote streiten die Ökonomen erbittert über die Gründe. Eine besonders prominente – aber auch deprimierende – Erklärung kommt von einer Gruppe junger MIT-Ökonomen um David Autor und David Dorn, der heute an der Universität Zürich lehrt. Sie beobachten weltweit und in vielen Branchen eine Konzentration auf wenige „Superstar-Firmen“. Dabei muss man nicht nur an Google und Amazon denken, sondern auch etwa an Walmart im Handel. Große Konzerne zahlen zwar bessere Löhne als kleine Mittelständler, sie tendieren aber auch dazu, höhere Gewinne vor allem an die Kapitaleigener auszuschütten. „The Winner takes it all“ nennt sich dieses asymmetrische Verteilungsprinzip: „Der Gewinner bekommt alles.“ Gewinner ist offensichtlich das Kapital – der erfolgreiche Unternehmer oder Aktionär.

„Für Arbeitnehmer sieht es düster aus“, findet Wirtschaftsforscher David Dorn: Das zu verteilende Geld wächst langsamer als früher, und der Anteil, den die Beschäftigten davon erhalten, sinkt seit den achtziger Jahren. Die Botschaft am Ende ist paradox. Noch nie in der Geschichte ging es den Arbeitnehmern absolut so gut wie heute. Aber auch noch nie seit den fünfziger Jahren ging es ihnen relativ so schlecht wie heute.

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