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Kommentar : Magen oder Müll

  • -Aktualisiert am

In Deutschland sind Lebensmittel vergleichsweise günstig, ist dies der Grund für die enorme Masse an Weggeworfenem? Bild: Frank May/dpa

Viereinhalb Millionen Tonnen Lebensmittelabfälle produzieren deutsche Haushalte innerhalb eines Jahres. Im Bundestag wurde ein Strategiepapier vorgestellt, um diese Abfallflut zu halbieren. Doch die Bürokratie hinkt hinterher.

          Die Wurst wellt sich am Rand? Der Salat ist in sich zusammengefallen? Der Joghurt einige Tage über dem Mindesthaltbarkeitsdatum? Die Verlockung, nicht mehr ganz frische Lebensmittel in den Müll zu werfen und im Supermarkt um die Ecke schnell Nachschub zu holen, ist groß. Mehr als hundert Kilogramm Essen wirft der deutsche Durchschnittshaushalt im Jahr weg; das macht insgesamt viereinhalb Millionen Tonnen. Mindestens noch einmal so viel Essen wird in Restaurants und Kantinen entsorgt. Was einmal fertig zubereitet in der Auslage oder auf dem Teller lag, muss weg – in den Magen oder in den Müll.

          Dass Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU) nun das Ziel ausgibt, die Lebensmittelabfälle bis zum Jahr 2030 zu halbieren, ist deshalb aller Ehren wert. Muss der Kunde, der kurz vor Ladenschluss in den Supermarkt hetzt, wirklich noch ein prall gefülltes Gemüseregal vorfinden? Oder der Kantinengänger kurz vor Toresschluss noch jedes Gericht zur Auswahl haben? Vermutlich nicht. Auf Wochenmärkten gibt es schließlich auch keine Proteste, wenn gegen Mittag die meisten Kisten leer sind.

          Doch Klöckners Anti-Essensreste- Strategie hat auch ein Geschmäckle. Wieder einmal gibt die Politik vor, einen gesellschaftlichen Wandel anzustoßen, der längst im Gange ist. Das Bewusstsein, dass Lebensmittel in Deutschland zwar vergleichsweise billig sind, aber trotzdem nicht leichtfertig weggeschmissen werden sollten, wächst. Supermärkte spenden ihre Reste an gemeinnützige Tafeln; in vielen Familien findet ein Umdenken statt. Reste-Apps und -Kochbücher erfreuen sich großer Beliebtheit. Sie helfen, noch für den letzten Zipfel Leberwurst Verwendung zu finden (zum Beispiel: in einer Paprika-Pfanne).

          Dagegen ist die Politik, um es vorsichtig zu sagen, nicht ganz so flexibel. So manche Foodsharing-Initiative ist schon daran gescheitert, dass sie gegenüber den Behörden nicht für die lückenlose Einhaltung der Hygienevorschriften garantieren konnte. Die Reform des Mindesthaltbarkeitsdatums – Wagemutige fordern sogar dessen Abschaffung – schleppt sich schon seit Jahren hin. Klöckner hat recht, wenn sie sagt, Schauen, Riechen und Schmecken sei der beste Weg, um ein Lebensmittel zu beurteilen. Es wird aber wohl noch lange dauern, bis dieses Credo auch der deutschen Lebensmittelbürokratie schmeckt.

          Julia Löhr

          Wirtschaftskorrespondentin in Berlin.

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