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Geflügelbörse : Das unrentable Huhn

Nichts mehr wert Bild: Imago

Wenn Hühner keine Eier mehr legen, werden sie in Afrika entsorgt. Das haben die Afrikaner jetzt satt.

          4 Min.

          Ein nützlicheres Nutztier als das Huhn gibt es nicht auf der Welt, das wusste schon Wilhelm Busch: „Einesteils der Eier wegen, welche diese Vögel legen. Zweitens: Weil man dann und wann einen Braten essen kann. Drittens aber nimmt man auch ihre Federn zum Gebrauch.“ Verständlich also, dass Witwe Bolte Zeter und Mordio ruft, als sie entdeckt, dass Max und Moritz ihren drei Hennen und einem Hahn vor der Zeit den Garaus gemacht haben: „Meines Lebens schönster Traum hängt an diesem Apfelbaum.“

          Sebastian Balzter

          Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Wüsste sie, wie wenig ein Huhn 150 Jahre später noch wert ist, Frau Bolte hielte es vermutlich für einen besonders infamen Streich: An der wichtigsten Geflügelbörse Europas müssen die Verkäufer derzeit sogar Geld drauflegen, wenn sie ihre Hühner loswerden wollen. Ein Strafzins für Geflügel sozusagen. Schuld daran sind deutsche Verbraucher, polnische Schlachthöfe, afrikanische Potentaten, der kirchliche Festkalender – und natürlich auch der Ölpreis.

          Vier Cent je Kilo Suppenhuhn

          Aber der Reihe nach. Jede Woche werden in Barneveld, einer Kleinstadt in den Niederlanden, die Preise für schlachtreifes Geflügel ermittelt. Das Städtchen verfügt über gleich vier Haltepunkte an einer Bahnstrecke, die auf Niederländisch „Hähnchenlinie“ heißt. An der Geflügelbörse von Barneveld orientiert sich die Branche in halb Europa – auch deshalb, weil andernorts die Preise nicht so schön transparent veröffentlicht, sondern in Hinterzimmern und per Handschlag vereinbart werden.

          Für Suppenhühner, die billigste Variante, lag die Notierung vor ein paar Monaten noch bei 30 Cent je Kilo. Dann aber ging es von Woche zu Woche bergab. Im November bekamen die Geflügelhalter immerhin noch ein paar Cent von den Aufkäufern. Aber kurz darauf mussten sie schon drauflegen, um einen Abnehmer für ihre Tiere und deren Fleisch zu finden, in den schlimmsten Wochen vier Cent je Kilo. Im Minus liegt der Preis noch immer. Dabei essen die Leute doch so viel Geflügel wie nie zuvor. Man muss einen Hühnerfachmann fragen, um das Rätsel aufzulösen.

          Deutschlands Hühnerfachmann Nummer eins ist Hans-Wilhelm Windhorst. Er ist Professor an der Universität Vechta, nicht weit vom Wiesenhof, und leitet das Wissenschaftliche Informationszentrum Nachhaltige Geflügelzucht, kurz: Wing. „Die Nutzung von ausgestallten Hennen aus der Eierproduktion war eigentlich immer schon ein Problem“, sagt der Professor – und erklärt dann auch noch, was das bedeutet: Anders als zu Witwe Boltes Zeiten gibt es heute eine Arbeitsteilung zwischen den Hühnerrassen.

          Überangebot an Suppenhühnern

          Die einen werden, gewöhnlich schon etwa sechs Wochen nach ihrer Geburt, als Masthähnchen geschlachtet und liefern die Brustfilets und Hähnchenschnitzel für die Kühltheke. Die anderen legen anderthalb Jahre lang fast jeden Tag ein Ei, dann lässt die Legeleistung nach, deshalb werden auch sie geschlachtet. Doch ihr Fleisch ist vergleichsweise zäh und faserig – typische Suppenhühner also.

          In Deutschland und Europa essen zwar sehr viele Menschen gerne Eier. Aber nur wenige kochen sich hin und wieder selbst eine Hühnerbrühe (obwohl sie, mit Lorbeerblättern und Petersilie, ein Wundermittel gegen Erkältung ist). Hans-Wilhelm Windhorst liefert die Zahlen: Allein in Deutschland werden nach seiner Schätzung bis zu 50 Millionen Legehennen im Jahr geschlachtet, in Europa sind es rund 400 Millionen. Es gibt auf dem Markt folglich ein strukturelles Überangebot an Suppenhühnern, und genau die betrifft der Barnevelder Hähnchenzins.

          Wie aber kam es zu dem plötzlichen extremen Preisverfall in den vergangenen Wochen? Dafür gibt es, hört man sich in der Suppenhuhn-Szene um, drei Erklärungen.

          Erstens planen viele Legehennenhalter den Generationswechsel in ihren Ställen aus Rücksicht auf die beiden wichtigsten Eierfeste des Jahres so, dass sie die Herden Ende November, Anfang Dezember auswechseln. Nicht vorher, weil das zu Lasten des von der Adventsbäckerei beherrschten Weihnachtsgeschäfts ginge. Nicht nachher, weil die jungen Legehennen noch Zeit brauchen, um ihre Höchstleistung rechtzeitig zum Ostergeschäft zu erreichen, also in der Fastenzeit. Zweitens hat sich den Hühnerverkäufern zufolge die Nachfrage im Osten schlagartig reduziert, seitdem ein polnischer Großschlachthof wirtschaftlich ins Schlingern geraten ist, weshalb noch mehr Hühner als zuvor nun in Barnevelde angeboten werden. Drittens ist die europäische Geflügelausfuhr ins westafrikanische Benin zusammengebrochen. Damit wird das Suppenhuhn endgültig zum Politikum.

          Westafrikanischen Geflügelzüchter klagen

          Denn ausgerechnet Benin, ein bettelarmes Land mit rund 10 Millionen Einwohnern, ist in den vergangenen Jahren zu einem der wichtigsten Abnehmer für die vielen Tonnen Geflügelfleisch geworden, die in Europa übrig sind – außer den unzähligen Suppenhühnern auch die Reste der Masthähnchen, von denen wir am liebsten nur die Brust essen wollen. Die westafrikanischen Geflügelzüchter klagen immer wieder über das billige Importfleisch aus Europa, es ist von skrupellosen Geschäften die Rede, in einem Atemzug mit Waffenhandel und Kinderschmuggel. Auch viele Entwicklungshelfer prangern die einseitigen Handelsströme an, die Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) hilft in Benin den einheimischen Landwirten.

          Was hat das mit dem Strafzins für die Suppenhühner in Barneveld zu tun? Üblicherweise reist das Fleisch tiefgekühlt auf Frachtern aus dem Hafen von Antwerpen in Belgien, nicht weit von der Geflügelbörse, nach Cotonou, die Hauptstadt von Benin. Wurden den offiziellen EU-Zahlen zufolge 1990 nur 4500 Tonnen Geflügelfleisch nach Benin verkauft, was einigermaßen zu der Größe und Einwohnerzahl des Landes passte, waren es zwanzig Jahre später gut 100.000 Tonnen, was rund 80 Millionen geschlachteten Hennen entspricht.

          So viel Appetit auf tiefgekühlte Hähnchenschenkel und Hühnerbrühe haben die Leute verständlicherweise auch dort nicht. Stattdessen wird das Fleisch von Cotonou aus zum großen Teil weiter nach Nigeria transportiert, in das viel größere und kaufkräftigere Nachbarland. Oder besser gesagt: Es wurde dorthin transportiert. Denn plötzlich, im vergangenen Herbst, war es zumindest den Statistiken zufolge vorbei mit dem schwunghaften Grenzhandel.

          In Deutschland gibt es noch ein paar Cent beim Schlachthof

          Das liegt am Ölpreis. Weil rund 90 Prozent aller Exporterlöse Nigerias aus der Öl- und Gasförderung stammen, macht der Ölpreisverfall dem Land und seiner Währung arg zu schaffen. Die Regierung hat deshalb im November die Einfuhr von allerhand Gütern komplett verboten, weiter unten auf der Liste stehen Kugelschreiber, Möbel und Koffer, ganz oben aber: Tiefkühlgeflügel. Das soll nach offizieller Lesart gleichzeitig die Devisenreserven schonen und die heimische Industrie stärken. Wer Nigeria kennt, der mag einen anderen Verdacht hegen: nämlich dass ein immer noch einflussreicher früherer Staatspräsident heute eine der größten Geflügelfarmen des Landes besitzt und von dem Importverbot folglich kräftig profitieren dürfte.

          In den großen Tiefkühllagerhallen in Frankreich, Belgien und den Niederlanden stapeln sich nun massenhaft die Suppenhühner. Selbst wenn der Ölpreis steigt oder die Geflügelbranche neue Exportländer findet, wird sich deshalb zunächst wenig an den Preisen ändern.

          In Deutschland bekommen die Legehennenhalter immerhin noch ein paar Cent, wenn sie ihre Tiere zum Schlachthof bringen. „Aber das ist nur das Schwarze unterm Fingernagel“, sagt Heinrich Gottke-Hasskamp aus Steinfurt, in dessen drei Ställen knapp 15.000 Hennen ihre Eier legen. Was sie noch wert sind, wenn sie zu Suppenhühnern werden, mache für den Familienbetrieb aus Niedersachsen höchstens ein paar tausend Euro mehr oder weniger im Jahr aus. Entscheidend sei ganz allein der Eierpreis.

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