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Geflügelbörse : Das unrentable Huhn

Erstens planen viele Legehennenhalter den Generationswechsel in ihren Ställen aus Rücksicht auf die beiden wichtigsten Eierfeste des Jahres so, dass sie die Herden Ende November, Anfang Dezember auswechseln. Nicht vorher, weil das zu Lasten des von der Adventsbäckerei beherrschten Weihnachtsgeschäfts ginge. Nicht nachher, weil die jungen Legehennen noch Zeit brauchen, um ihre Höchstleistung rechtzeitig zum Ostergeschäft zu erreichen, also in der Fastenzeit. Zweitens hat sich den Hühnerverkäufern zufolge die Nachfrage im Osten schlagartig reduziert, seitdem ein polnischer Großschlachthof wirtschaftlich ins Schlingern geraten ist, weshalb noch mehr Hühner als zuvor nun in Barnevelde angeboten werden. Drittens ist die europäische Geflügelausfuhr ins westafrikanische Benin zusammengebrochen. Damit wird das Suppenhuhn endgültig zum Politikum.

Westafrikanischen Geflügelzüchter klagen

Denn ausgerechnet Benin, ein bettelarmes Land mit rund 10 Millionen Einwohnern, ist in den vergangenen Jahren zu einem der wichtigsten Abnehmer für die vielen Tonnen Geflügelfleisch geworden, die in Europa übrig sind – außer den unzähligen Suppenhühnern auch die Reste der Masthähnchen, von denen wir am liebsten nur die Brust essen wollen. Die westafrikanischen Geflügelzüchter klagen immer wieder über das billige Importfleisch aus Europa, es ist von skrupellosen Geschäften die Rede, in einem Atemzug mit Waffenhandel und Kinderschmuggel. Auch viele Entwicklungshelfer prangern die einseitigen Handelsströme an, die Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) hilft in Benin den einheimischen Landwirten.

Was hat das mit dem Strafzins für die Suppenhühner in Barneveld zu tun? Üblicherweise reist das Fleisch tiefgekühlt auf Frachtern aus dem Hafen von Antwerpen in Belgien, nicht weit von der Geflügelbörse, nach Cotonou, die Hauptstadt von Benin. Wurden den offiziellen EU-Zahlen zufolge 1990 nur 4500 Tonnen Geflügelfleisch nach Benin verkauft, was einigermaßen zu der Größe und Einwohnerzahl des Landes passte, waren es zwanzig Jahre später gut 100.000 Tonnen, was rund 80 Millionen geschlachteten Hennen entspricht.

So viel Appetit auf tiefgekühlte Hähnchenschenkel und Hühnerbrühe haben die Leute verständlicherweise auch dort nicht. Stattdessen wird das Fleisch von Cotonou aus zum großen Teil weiter nach Nigeria transportiert, in das viel größere und kaufkräftigere Nachbarland. Oder besser gesagt: Es wurde dorthin transportiert. Denn plötzlich, im vergangenen Herbst, war es zumindest den Statistiken zufolge vorbei mit dem schwunghaften Grenzhandel.

In Deutschland gibt es noch ein paar Cent beim Schlachthof

Das liegt am Ölpreis. Weil rund 90 Prozent aller Exporterlöse Nigerias aus der Öl- und Gasförderung stammen, macht der Ölpreisverfall dem Land und seiner Währung arg zu schaffen. Die Regierung hat deshalb im November die Einfuhr von allerhand Gütern komplett verboten, weiter unten auf der Liste stehen Kugelschreiber, Möbel und Koffer, ganz oben aber: Tiefkühlgeflügel. Das soll nach offizieller Lesart gleichzeitig die Devisenreserven schonen und die heimische Industrie stärken. Wer Nigeria kennt, der mag einen anderen Verdacht hegen: nämlich dass ein immer noch einflussreicher früherer Staatspräsident heute eine der größten Geflügelfarmen des Landes besitzt und von dem Importverbot folglich kräftig profitieren dürfte.

In den großen Tiefkühllagerhallen in Frankreich, Belgien und den Niederlanden stapeln sich nun massenhaft die Suppenhühner. Selbst wenn der Ölpreis steigt oder die Geflügelbranche neue Exportländer findet, wird sich deshalb zunächst wenig an den Preisen ändern.

In Deutschland bekommen die Legehennenhalter immerhin noch ein paar Cent, wenn sie ihre Tiere zum Schlachthof bringen. „Aber das ist nur das Schwarze unterm Fingernagel“, sagt Heinrich Gottke-Hasskamp aus Steinfurt, in dessen drei Ställen knapp 15.000 Hennen ihre Eier legen. Was sie noch wert sind, wenn sie zu Suppenhühnern werden, mache für den Familienbetrieb aus Niedersachsen höchstens ein paar tausend Euro mehr oder weniger im Jahr aus. Entscheidend sei ganz allein der Eierpreis.

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