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Gefährliche Selbstbespiegelung : Was das Smartphone mit uns macht

  • -Aktualisiert am

Mitten in der Netzgesellschaft Bild: dpa

Es bringt unser Leben zum Leuchten, jeder wird zum Regisseur und spinnt sich sein Netz der Anerkennung. Über die Psychologie einer großen Illusion.

          8 Min.

          Als der Philosoph Gernot Böhme vor einigen Wochen mit seiner Enkelin, vierzehn, in einem Café saß, zückte diese ihr Smartphone und fotografierte sich, ihren Opa und das Tortenstück. „Sitze mit Opa und esse Torte.“ Das oder etwas sehr Ähnliches, meint sich Böhme zu erinnern, schrieb sie und schickte die Nachricht an ihre Freunde und Follower.

          Hannah Bethke

          Feuilletonkorrespondentin in Berlin.

          Gernot Böhme, der im kommenden Jahr achtzig wird und lange an der Universität Darmstadt gelehrt hat, gab das zu denken. Was soll das? Was hat es zu bedeuten, dass Banalitäten des Alltags zur Nachricht werden? Es ist nicht zehn Jahre her, da lachte man noch über die japanischen Touristen, die sich vor Tellern voll Sauerkraut fotografierten. Jetzt isst offenbar überhaupt niemand mehr Sauerkraut, ohne das für die Mit- und Nachwelt zu dokumentieren. Wir sind alle so geworden wie die seltsamsten Japaner, und es fällt kaum mehr jemandem auf.

          Die Netzgesellschaft und ihre Zwänge

          Wir besuchen Autoren, die darüber nachgedacht oder selbst miterlebt haben, was es mit uns macht, dass wir mit dem Smartphone verwachsen sind und permanent mit Bildern überflutet werden. Böhme sagt, es seien „Zwänge der Netzgesellschaft“ entstanden, etwa der Zwang zur ständigen Mitteilung. Das sei begründet im Wunsch nach Zugehörigkeit. Meine Torte, mein Opa - Daumen hoch, Daumen runter, dafür siebzehn Likes, Sternchen oder Herzchen, immer wieder, immer mehr: Die sozialen Medien führten dazu, dass Zugehörigkeit ständig aktualisiert werden muss.

          „Es geht um das Bedürfnis nach Gesehenwerden“, sagt Böhme. Dieses Bedürfnis beflügele eine riesige „Industrie der Verbildlichung“, wie Böhme mit dem Philosophen Walter Benjamin sagt, der lange vor dem Smartphonezeitalter lebte: Apple, Samsung, Facebook - oder Snapchat, die Bilder-App, die aus Sicht des Marktes schon in etwa so wertvoll ist wie die Deutsche Bank, rund zwanzig Milliarden Euro.

          Lebenswichtige Bilder

          Die Bilder werden, wie Böhme auch in seinem neuesten Buch „Ästhetischer Kapitalismus“ erläutert, für uns lebenswichtig, denn sie würden für uns zum Beleg dafür, dass wir existieren. Viele Bilder, viel Leben. Das verändert unsere Beziehungen mit anderen radikal: Aus dem „Ich bin, weil mich der andere anerkennt“, wird laut Gernot Böhme ein: „Ich bin, weil mich der andere sieht.“

          Womöglich liegt in dieser Feststellung der Kern eines kulturellen Wandels, zu dem das Smartphone und die sozialen Medien führen. Oder geht es um etwas anderes? Handelt es sich hier um eine neue Form der Sucht, die einen neuen Markt schafft und sich damit in übliche ökonomische Prozesse integriert, ohne revolutionär zu sein? Aber was bedeutet denn überhaupt Sucht? Geht es um eine Sucht nach Bildern, die ein ständiges Gesehenwerden ermöglichen?

          Soziale Medien veranschaulichen die Verwobenheit von öffentlicher Kommunikation, Identität und Ökonomie. Wenn wir etwas auf unserem privaten Facebook- oder Twitter-Account posten, betrifft es uns selbst. Wir identifizieren uns - mal mehr, mal weniger - mit dem, was wir teilen, und vor allem mit den Reaktionen, die unsere Beiträge hervorrufen. Sie weben das Netz der Anerkennung, auf die wir uns in bisher nie gekanntem Ausmaß angewiesen fühlen. Es reicht nicht bloß eine Bestätigung, ein „Like“, ein Kompliment. Wir verlangen danach wieder und wieder. Das Ziel: Mehr. Mehr Erfolg, mehr Ansehen, mehr Follower.

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