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Gefährliche Temperaturen : Hitze tötet bis zu 300 Menschen jeden Tag

Aktive und gesunde Menschen haben weniger Probleme mit der Hitze (Symbolbild). Bild: Picture-Alliance

An heißeren Tagen steigt die Sterberate. Eine neue Studie zeigt nun, wie groß dieser Effekt ist und wen er besonders betrifft. Eine gängige Annahme widerlegt sie hingegen.

          Die Hitze macht den Deutschen zu schaffen. Viele Büros sind nicht klimatisiert. Unternehmen lockern ihre Kleiderordnung. Auch zu Hause ist jedes Kleidungsstück zu viel. Für viele Menschen, vor allem ältere und kranke, ist die Hitze aber nicht einfach nur unangenehm. Sie ist eine Gefahr für die Gesundheit: Häufig trinken ältere Menschen zu wenig. Dann sind Kreislaufprobleme schnell die Folge. Auch von Hitzetoten hört man immer mal wieder.

          Gustav Theile

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Wie groß aber ist dieser Effekt? Wie viele Menschen sterben, wenn die Temperaturen besonders hoch oder besonders niedrig sind? Wie viele Menschen werden ins Krankenhaus eingeliefert?

          Die Wirtschaftswissenschaftler Martin Karlsson von der Universität Duisburg-Essen und Nicolas Ziebarth von der Cornell University in Amerika haben die Auswirkungen von besonders heißen und besonders kalten Tagen auf die Sterberate und die Krankenhauseinlieferungen in Deutschland untersucht. Angeschaut haben sie sich die Zeit von 1999 bis 2008. Die Daten lieferten das Statistische Bundesamt und der Deutsche Wetterdienst, die Studie wurde in der angesehenen Fachzeitschrift „Environmental Economics and Management“ (Umweltökonomik und Management) veröffentlicht.

          Das Ergebnis: Die Sterbequote steigt an heißen Tagen mit mehr als 30 Grad Celsius um etwa ein Zehntel und die Krankenhauseinlieferungen um ein Zwanzigstel. Der Effekt an kalten Tagen ist dagegen nicht eindeutig und muss wohl noch weiter erforscht werden.

          Hitze zieht Todesfälle nur vor

          In reinen Zahlen heißt das: An jedem Hitzetag steigt die Todesrate um „knapp 300 zusätzliche Todesfälle für Gesamtdeutschland“, sagte Ziebarth gegenüber FAZ.NET – und fast 3000 Menschen werden zusätzlich ins Krankenhaus gebracht. Menschen, die in üblicherweise heißen Regionen wohnen, sind dabei weniger gefährdet. Sie sind an die Hitze gewöhnt. Deshalb sind die Effekte dort um ein Fünftel kleiner als in anderen Regionen. In üblicherweise kalten Regionen ist der Effekt dagegen um 15 Prozent größer.

          Allerdings wären viele dieser Menschen – in den folgenden Wochen – sowieso gestorben. Die Hitze zieht die Todesfälle also „nur“ vor. Bei Krankenhausaufenthalten gibt es eine ähnliche Tendenz. Ziebarth erklärt sich das so: „Da vor allem ältere und gesundheitlich geschwächte Menschen an Hitzetagen sterben, ist der Jahreseffekt um ein Vielfaches geringer. Das liegt in der menschlichen Natur und daran, dass viele dieser gesundheitlich schwächeren Menschen in den Folgewochen und Monaten auch ohne Hitzewelle gestorben wären. Die englischsprachige Literatur spricht da etwas zynisch von ,harvesting'.“ Harvesting ist der englischsprachige Ausdruck für Ernte.

          Auf das Jahr betrachtet sorgt das dafür, dass Hitzetage kaum noch eine große Gefahr für den Menschen sind. Jeder zusätzliche Hitzetag führt der Studie zufolge im gesamten Jahr nur zu „zwei zusätzlichen Todesfällen je zusätzlichem heißen Tag in Deutschland“, heißt es in der Studie.

          Jeder Hitzetag kostet 40 Millionen Euro

          Besonders gefährlich sind an heißen Tagen Atemwegs- und Infektionskrankheiten. Bis zu 30 Prozent mehr Todesfälle werden an diesen Tagen in diesen Kategorien verzeichnet. Der Anstieg bei den anderen untersuchten Krankheitskategorien Krebserkrankungen, Stoffwechselprobleme und Herzkrankheiten ist mit 10 bis 20 Prozent deutlich geringer. Die Krankenhauseinlieferungen steigen an heißen Tagen über alle Altersgruppen und Krankheitsarten hinweg um ziemlich genau ein Zehntel.

          Die übliche Annahme, dass vor allem ältere Menschen betroffen sind, bestätigt sich dagegen nur scheinbar. Zwar sterben an heißen Tagen deutlich mehr ältere Menschen. Das ist aber nicht nur an heißen Tagen so. Setzt man die Sterberate ins Verhältnis zu den Raten an weniger heißen Tagen, gibt es keinen klaren Alterseffekt.

          Auch die Kosten von Hitzetagen werden in der Studie berechnet. Bis zu 40 Millionen Euro kostet ein Hitzetag demnach. Einberechnet werden dabei die Krankenhauskosten, die Kosten durch den früheren Tod und durch den Verlust an Arbeitskraft. Die Kosten könnten aber bei „einem Vielfachen“ liegen, sagt Ziebarth. Nicht berücksichtigt seien die „Unannehmlichkeiten aufgrund der Hitze, ambulante Arztkosten, niedrigere Produktivität am Arbeitsplatz sowie sonstige materielle Schäden, die durch die Hitze entstehen“.

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