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Streit um Buchpreisbindung : Gebt endlich die Preise für Bücher frei!

Die Haltung der Kommission ist eindeutig: Dem von der Buchpreisbindung verursachten schwerwiegenden Eingriff in den Preismechanismus liegt ein schwammiges Schutzziel („Kulturgut“) zugrunde, dessen Auswirkungen unklar sind und das der Marktentwicklung seit Erlass des Gesetzes nicht Rechnung trägt. Kurz und bündig spricht sich die Kommission deshalb für eine Abschaffung der Buchpreisbindung aus, zumal zu erwarten ist, dass auch der oberste Europäische Gerichtshof in Kürze den deutschen Buch-Sonderweg für europäische Importe nicht gelten lässt.

Ist Beethoven weniger schützenswert als Hölderlin?

Schon empirisch finden sich keine Belege für die Schutzbehauptung der Buch-Lobbyisten: In Europa haben 14 von 32 Ländern eine Buchpreisbindung. Doch es lassen sich keine Indizien dafür finden, dass die Menschen in Ländern ohne Buchpreisbindung weniger gebildet wären, einen größeren Hang zum Populismus oder zu Verschwörungstheorien hätten oder intellektuell unterdurchschnittlich entwickelt wären. Umgekehrt hat die Buchpreisbindung weder Amazon verhindert noch den Rückgang der Lesefreude gestoppt.

In der Schweiz, wo die Buchpreisbindung im Jahr 2007 abgeschafft wurde, lässt sich seither weder ein kultureller Verfall konstatieren noch ein Rückgang des Bruttoinlandsprodukts. Die Zahl der Verlage ist sogar gestiegen. Dass die Bücher teurer geworden wären, ist nicht der Fall; auch eine ungewünschte Konzentration des stationären Handels gab es nicht. Das scheinen die Schweizer Bürger auch so zu sehen. Im Jahr 2012 gab es bei einer Volksabstimmung keine Mehrheit für eine Wiedereinführung der Buchpreisbindung.

Allein schon die fehlende Empirie wäre Grund genug, die Buchpreisbindung zu schleifen. Hinzu kommt die sich in Widersprüche verwickelnde Ausnahmebegründung ausschließlich für Gedrucktes: Buchstaben und Noten sind demnach Kultur, Töne indessen nicht. Die Partitur eines späten Streichquartetts von Beethoven unterliegt der Preisbindung, die konkreten Einspielungen des Quartetts dagegen nicht. Bei iTunes & Co. darf die gleiche CD halb so teuer angeboten werden im Vergleich mit der Hardware-CD. E-Books dagegen unterliegen der Buchpreisbindung. Ist Beethoven-Hören eine minder schützenswerte kulturelle Betätigung im Vergleich zur Lektüre eines Hölderlin-Gedichts?

Ärgerlich, weil paternalistisch wirkt auch alles, was die Branche unter dem Rubrum „Quersubventionierung“ verlauten lässt. Gemeint ist: Die Verlage verkaufen qualitativ minderwertige Bestseller, gemessen an der Nachfrage, zu teuer, um mit dem Überschuss kulturell hochstehende Nischenprodukte an die Leser zu bringen. Die Bevormundung des Lesers ist schwer zu ertragen. Im Umkehrschluss wird das Argument zum Beweis dafür, dass sich die Buchpreisbindung gegen die Leser wendet, die zu viel Geld für Bestseller zahlen müssen.

Kurzum: Die Buchpreisbindung muss weg. Seit Amazon braucht niemand sich um die Versorgung der Menschen mit Büchern zu sorgen. Ob die Empfehlung des Algorithmus schlechter ist als der Buchhinweis vom Händler seines Vertrauens, kann jeder Leser selbst entscheiden. Der Kapitalismus ist bekanntlich für die Menschen da, denen er ihre materiellen und kulturellen Wünsche gut und günstig befriedigt. Der Kapitalismus ist nicht für die Kapitalisten da (dazu zählen große Internetkonzerne genauso wie kleine Stadtteil-Buchhandlungen). Am Markt wird die Kultur nicht zugrunde gehen.

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