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Gebrechlich im Alter : Wer pflegt Mutter?

Bild: AP

Die Zahl der Menschen, die rund um die Uhr gepflegt werden müssen, wächst rapide. Viele von ihnen wollen nicht ins Heim. Pflege zu Hause lässt sich organisieren. Das ist durchaus bezahlbar.

          Wohin mit Vater oder Mutter, wenn sie zum Pflegefall werden? "Irgendwann haben wir es alleine einfach nicht mehr geschafft", berichtet Martina Peter-Eckle aus Waiblingen. Ihre Mutter, damals 87 Jahre alt und stark gehbehindert, musste praktisch rund um die Uhr betreut werden. Ins Pflegeheim wollte die Familie sie aber nicht geben. "Wir wollten eine legale Lösung", sagt Martina Peter-Eckle. Die Lösung fanden sie beim Arbeitsamt. Seit 2005 dürfen die Arbeitsagenturen Frauen aus osteuropäischen EU-Ländern als Haushaltshilfen für Pflegebedürftige in Deutschland vermitteln. Kosten für die Familie: rund 1500 Euro im Monat.

          Carsten Germis

          Wirtschaftskorrespondent in Hamburg.

          Wie Martina Peter-Eckle geht es in jedem Jahr Tausenden Familien. Die alten Eltern brauchen Hilfe, weil sie zu krank und gebrechlich sind, um sich in den eigenen vier Wänden noch selbst zu versorgen. Von den über 85-Jährigen braucht heute rund jede zweite Frau und jeder dritte Mann regelmäßige Pflege. Weil die Menschen immer älter werden, wächst die Zahl der Pflegebedürftigen rasant: 2,1 Millionen sind es heute. In zwölf Jahren werden es drei Millionen sein. Rund zehn Prozent von ihnen brauchen praktisch eine Betreuung rund um die Uhr.

          Viele Familien greifen zu unerlaubten Lösungen

          Von den 2,1 Millionen Pflegebedürftigen leben rund 700.000 in Pflegeheimen. Die Mehrheit möchte in den eigenen vier Wänden bleiben oder zu Angehörigen ziehen - und wird ambulant gepflegt. Wie die Peter-Eckles scheuen viele davor zurück, ihre Eltern in ein Heim zu geben.

          Auch die Politik setzt auf die Pflege zu Hause und will sie mit der Pflegereform, die im Sommer kommt, finanziell auch stärker fördern. Doch die finanziellen Lasten für die Familien bleiben groß. Bei Heimen, die gut 3000 Euro im Monat kosten, zahlt die Pflegeversicherung knapp die Hälfte. Wer eine Rundumbetreuung zu Hause durch Sozialstationen will, kommt bei den Kosten schnell auf das Doppelte bis Dreifache. Die Pflegekasse kommt aber auch hier nur für 1432 Euro, in Härtefällen bis zu 1918 Euro im Monat auf. Die Differenz von bis zu 5000 Euro monatlich muss privat gezahlt werden. Das sind Dimensionen, in denen auch Gutverdienern die Luft knapp wird.

          Viele Familien greifen daher zu unerlaubten Lösungen. Mehr als 100.000 Frauen aus osteuropäischen Ländern pflegen heute alte Menschen in Deutschland - illegal. Hinzu kommen Zehntausende Pflegerinnen, die halblegal arbeiten. Ohne sie wäre das Pflegesystem schon zusammengebrochen. Wer rund um die Uhr von deutschen Pflegediensten versorgt werden will, muss dafür tief in die Tasche greifen. Je nachdem wie aufwendig die Pflege ist, fallen 4800 bis 10.000 Euro im Monat an. Die Altenpfleger wohnen dann bei den alten Menschen und werden wöchentlich oder alle 14 Tage abgelöst.

          11.000 ambulante Pflegedienste in Deutschland

          Bei den meisten Alten reicht es aber noch aus, wenn morgens und abends jemand vorbeischaut und bei der Körperpflege hilft, das Frühstück und das Abendessen zubereitet und zweimal in der Woche die Wohnung geputzt wird. Dafür berechnen die ambulanten Pflegedienste der Pflegekasse 769,20 Euro. Bei der teuren Rund-um-die-Uhr-Betreuung beschäftigen die Pflegedienste neuerdings auch Hilfskräfte, um die Kosten zu senken. So werden zum Beispiel in einem Modellprojekt in Hessen Ein-Euro-Jobber eingesetzt.

          In Deutschland sind 11.000 ambulante Pflegedienste mit insgesamt 214.000 Beschäftigten zugelassen. 41 Prozent werden von gemeinnützigen Trägern wie der Diakonie oder der Caritas betrieben. 58 Prozent sind private Unternehmen. Die gemeinnützigen Träger sind allerdings „Marktführer“, sie betreuen 55 Prozent der Pflegebedürftigen. Einen Vergleich der Leistungen gibt es noch nicht. Im Sommer soll er - zuerst nur für die Heime - eingeführt werden. Dann stellt der Medizinische Dienst die Ergebnisse ins Internet, die seine Qualitätsüberprüfungen erbracht haben.

          Wer pflegt Mutter? Verschiedene Lösungen

          Das zahlt die Pflegeversicherung

          Die Pflegeversicherung kommt nur zum Teil für die Kosten auf, wenn gebrechliche Alte rund um die Uhr auf Pflege angewiesen sind. Derzeit übernimmt sie in der Pflegestufe III für Schwerstpflegebedürftige bis zu 1432 Euro der Kosten, und das auch nur, wenn ein zugelassener deutscher Pflegedienst die Arbeit übernimmt (2008 ist eine Erhöhung auf 1470 Euro geplant und 2010 auf 1510 Euro).

          In der Pflegestufe II , die für Menschen gilt, die täglich mehrfach von Pflegern besucht werden, sind es derzeit 921 Euro (2008: 980 Euro). Wer weniger Pflege braucht und in der Pflegestufe I eingestuft ist, bekommt 384 Euro für die häusliche Pflege (Erhöhung geplant auf 420 Euro). Wenn Familienangehörige die Pflege selbst organisieren oder selbst übernehmen, bekommen sie ein Pflegegeld. Das reicht derzeit von 205 Euro in der Pflegestufe I bis zu 665 Euro in der Pflegestufe III.

          Die private und die gesetzliche Pflegeversicherung bieten die gleichen Leistungen an. Es ist aber möglich, das Pflegefallrisiko zusätzlich privat abzusichern . Davon machen allerdings nur wenige Menschen Gebrauch, weil diese Versicherungen teuer sind. So müsste ein 40 Jahre alter Mann heute monatlich 97,97 Euro Beitrag zahlen, wenn er 1500 Euro Pflegekosten im Alter absichern will. Eine 40-jährige Frau müsste monatlich sogar 144,59 Euro zahlen, weil Frauen älter werden als Männer.

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