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GE und Toshiba : Das totgesagte Konglomerat

Meister des Mischkonzerns: Jack „the knife“ Welch Bild: AFP

In der Wirtschaft sind vor allem Tempo und Veränderung gefragt. Haben Mischkonzerne noch eine Zukunft?

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          Die jüngste Nachricht von der Aufspaltung des amerikanischen Mischkonzerns General Electric schlug hohe Wellen: Künftig sollen die drei Sparten Gesundheit, Luftfahrt und Energie als eigenständige Einheiten an der Börse notiert sein. Ausgerechnet GE, das bislang als Musterbeispiel für den Typus Gemischtwarenladen galt, schlägt nach schweren Jahren nun den Pfad ein, den der ewige Rivale Siemens schon längst verfolgt. Auch von Philips ist mittlerweile kaum noch mehr übrig als ein Medizintechnikkonzern.

          Nachdem fast gleichzeitig auch Toshiba bekannt gab, dass die Summe seiner Einzelteile in Zukunft mehr wert sein soll als das heutige Ganze, scheint das Urteil gefällt zu sein: In der modernen Wirtschaftswelt zählen Spezialisierung und Schnelligkeit. Für große Tanker, deren Geschäftsbereiche wenig bis gar nichts miteinander zu tun haben, scheint da kein Platz mehr übrig.

          100.000 Arbeitsplätze bei GE gestrichen

          Vor gar nicht allzu langer Zeit war die Sicht der Dinge noch eine ganz andere. Anfang des Jahrtausends trat Jack Welch nach zwei Jahrzehnten an der Spitze von General Elec­tric ab. Dort hatte er sich einen phänomenalen Ruf und den Spitznamen „Jack the knife“ erworben, weil er in dieser Zeit rund 100.000 Arbeitsplätze gestrichen hatte in Sparten, in denen GE nicht zur Weltspitze gehört hatte. Dank dieser knallharten Auslese hatte sich der Umsatz während seiner Ägide von 13 auf 416 Milliarden Dollar mehr als verdreißigfacht. Welch wurde (vorübergehend) zur Legende.

          Wer die strengen Kriterien erfüllte, fand Platz in der GE-Familie. Vom Fernsehsender über Haushaltsgeräte bis hin zu Industriesystemen übergab Welch ein buntes Allerlei an seinen Nachfolger. Synergien zwischen den Bereichen waren keine Pflicht – im Gegenteil. Welch setzte der Industrieproduktion, welche in hohem Maße den Schwankungen der Weltkonjunktur ausgesetzt ist, bewusst die wesentlich stabileren Dienstleistungen etwa durch eine eigene Finanzsparte entgegen. Dieses konzerninterne Austarieren von Risiken ist bis heute das wichtigste Argument der Konglomeratsbefürworter.

          Von Grundig bis zum Reisebüro

          Noch immer halten sich nach diesem Vorbild Spieler am Markt wie etwa die türkische Koc-Gruppe, die von weißer Haushaltsware (Beko), Unterhaltungselektronik (Grundig) über Autoproduktion, Lebensmittel bis hin zu Finanzdienstleistungen und Reisebüros ein gewaltiges Sortiment verwaltet. Auch in Asien existieren noch viele Giganten.

          Sind diese Konzerne nun zwangsläufig dazu verdammt, den Weg der Aufspaltung zu gehen, um im Wettbewerb zu bestehen? Nicht wenn man die Frage unter dem Gesichtspunkt der Wirtschaftlichkeit betrachtet, sagen Fachleute wie Thomas Hutzschenreuter. Der BWL-Professor hat rund 55.000 Investments und Deinvestments unter dieser Fragestellung analysiert. Sein Ergebnis: Es lässt sich keine generelle Aussage darüber treffen, ob ein Mischkonzern oder ein spezialisiertes Unternehmen erfolgreicher ist. Vielmehr komme es auf die Fähigkeit des Managements an, mit der gegebenen Struktur umzugehen.

          Schneller sein als die Aktivisten

          Derzeit kommen die Treiber für die Aufspaltungen vor allem aus zwei Richtungen. Zum einen finden gerade in vielen Industriebranchen gewaltige Umwälzungen in rasantem Tempo statt. Um in diesem Rennen gegen Start-ups und Spezialisten mithalten zu können, brauchen auch Konzerne mehr Fokussierung und kurze Entscheidungswege. Die Aufspaltung der Daimler AG in Mercedes-Autos und Daimler-Lastwagen ist von dieser Erkenntnis getrieben, obwohl hier Synergien etwa beim autonomen Fahren realistisch wären.

          Zudem kommt schon seit einiger Zeit gehöriger Druck vom Kapitalmarkt. Der frühere Siemens-Chef Joe Kaeser hatte offen eingeräumt, dass er seinen Konzern lieber selbst aufteilt, als dass er sich den Prozess von aktivistischen Investoren aufdrücken lassen will. Thyssenkrupp lässt grüßen. Solange der Anlagenotstand im derzeitigen Zinsumfeld hoch ist, dürfte sich an dieser Konstellation auch wenig ändern.

          Mittelfristig ist es allerdings durchaus möglich, dass sich der Trend wieder einmal umgekehrt und die Vorteile von Konglomeraten in gewissen Konstellationen stärker zum Tragen kommen. Interessanterweise finden sich aktuelle Beispiele für erfolgreiche Mischkombinate ausgerechnet im Silicon Valley. Die Vielfalt unter den Dachgesellschaften von Amazon oder Google ist enorm. Die einzigartige Ertragskraft dieser Unternehmen ermöglicht ihnen zwar einen gewissen Freiraum. Es wäre aber nicht das erste Mal, dass Amerikas Tech-Giganten eine neue Richtung vorgeben.

          Sven Astheimer
          Verantwortlicher Redakteur für die Unternehmensberichterstattung.

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