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Auch nach Rubel-Dekret : Gazprom liefert weiter Gas – gibt aber seine deutsche Gesellschaft auf

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Hier strömt russisches Erdgas: Verdichterstation an der Jagal-Gaspipeline im brandenburgischen Mallnow. Bild: ZB

Putin hat dem Westen nicht das Gas abgedreht, auch wenn die Rechnungen ihm zufolge jetzt in Rubel beglichen werden müssen. Langsam wird klar, was der russische Präsident mit der Umstellung bezweckt.

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          Nach der von Russland verfügten Umstellung der Gas-Zahlungen auf Rubel liefert Russland eigenen Angaben zufolge den Rohstoff weiter in großem Umfang für den Transit durch die Ukraine nach Europa. Am Freitag würden 108,4 Millionen Kubikmeter Gas durch das Leitungssystem gepumpt, sagte der Sprecher des Energieriesen Gazprom, Sergej Kuprijanow, der Agentur Interfax zufolge. Das entspreche fast der vertraglich möglichen maximalen Auslastung pro Tag, hieß es. Ungeachtet des russischen Kriegs gegen die Ukraine läuft der Gastransit durch das Nachbarland, das daraus wichtige Durchleitungsgebühren bezieht, seit dem 24. Februar in hohem Umfang weiter.

          Indes teilte Gazprom am Freitagnachmittag mit, seine deutsche Tochtergesellschaft Gazprom Germania aufzugeben. Der Konzern werde sich von der Gazprom Germania GmbH und deren Beteiligungen, darunter die Firma Gazprom Marketing & Trading, zurückzuziehen, teilte das Unternehmen mit, ohne nähere Angaben zu machen. Von der deutschen Gesellschaft war zunächst keine Stellungnahme zu erhalten. Der Gazprom-Konzern war bislang ihr alleiniger Eigentümer. Zu den Beteiligungen von Gazprom Germania gehören auch Gesellschaften in der Schweiz und in Tschechien. Geschäftsfelder von Gazprom Germania sind der Handel, Transport und die Speicherung von Erdgas. Es war zunächst unklar, ob die Ankündigung Konsequenzen für die Erdgaslieferungen von Russland nach Deutschland hat.

          Was Russland mit dem Rubel-Dekret bezweckt

          Vor einer Woche hatte Kremlchef Wladimir Putin angekündigt, russisches Gas an westliche Staaten künftig nur noch gegen Rubel zu verkaufen, was diese ablehnen. Am Donnerstag unterzeichnete er ein Dekret, das „unfreundliche Staaten“ – also Deutschland, die EU, die USA und alle anderen Staaten, die Sanktionen gegen Russland verhängt haben – dazu verpflichtet, ein Rubelkonto bei einer russischen Bank zu eröffnen und die Zahlungen darüber abzuwickeln. Die Regelung trat am Freitag in Kraft.

          Die Staaten müssen demnach über die Konten, die einen Bereich für Valuta – also Euro oder Dollar – und einen für Rubel haben, eine Zahlung in russischer Währung sicherstellen. Es könnten weiter Euro oder Dollar auf das russische Konto eingezahlt werden. Die Gazprombank tausche das Geld dann in Rubel und überweise den Betrag an Gazprom.

          Nach Angaben der russischen Seite dient das neue Schema vor allem dazu, den Eingang der Zahlungen sicherzustellen. Bisher habe es die Möglichkeit gegeben, das Geld formal über eine europäische Bank zu überweisen, die Summe aber anschließend zu blockieren. Das sagte der Direktor für Finanzmarktanalyse bei der Investmentgesellschaft Alfa Capital, Wladimir Bragin, der russischen Wirtschaftszeitung „Wedomosti“. Ähnlich äußerte sich der russische Außenminister Sergej Lawrow am Freitag. Es habe die Gefahr bestanden, dass weiter in Euro oder Dollar bezahlt werde und dann die Mittel im Zuge westlicher Sanktionen einfach beschlagnahmt würden.

          Fachleute vermuten kaum Änderungen

          Fachleute vermuten nicht, dass die verfügten Änderungen in der Gas-Abrechnung große Konsequenzen mit sich bringen. „Für die deutschen Unternehmen dürfte sich unter dem Strich nicht besonders viel ändern“, sagte Ulrich Leuchtmann, Leiter der Devisen-Abteilung der Commerzbank, am Donnerstag.

          Die Gazprombank unterliege derzeit keinen wesentlichen Finanzsanktionen, was aber auch beabsichtigt sei, damit die Bezahlung von Gas-Lieferungen für den Westen überhaupt möglich sei. Ein Vorteil für Russland könnte darin bestehen, dass anstelle der sanktionierten Zentralbank eine große Geschäftsbank das Devisenmanagement übernehme. „Das könnte letztlich der Finanzstabilität in Russland zugute kommen“, erläuterte Leuchtmann.

          Auch Commerzbank-Experte Tatha Ghose sagte, bei Geschäften mit Russland führe letztlich kein Weg daran vorbei, dass die Abnehmerländer an irgendeinem Punkt im System mit ihrer eigenen Währung zahlten, da dies schließlich ihre nationalen Zahlungsmittel seien. „Wie genau die Umrechnung in Rubel erfolgt, könnte zwar etwas an der Rubel-Nachfrage kratzen, mehr aber auch nicht.“

          Dennoch große Sorgen in der deutschen Wirtschaft

          Eine Reihe von Fachleuten äußerten allerdings generelle Zweifel daran, dass Putins Aussagen zu trauen sei, und wollten die Möglichkeit eines russischen Gas-Lieferstopps nicht ausschließen. Diese Möglichkeit ruft bei Spitzenvertretern deutscher Unternehmen große Sorgen hervor.

          Der Chef eines der größten Energieverbraucher Deutschlands, der BASF, warnte für den Fall eines Importstopps oder längerfristigen Ausfalls von Gas- und Öllieferungen aus Russland vor beispiellosen wirtschaftlichen Schäden. „Das könnte die deutsche Volkswirtschaft in ihre schwerste Krise seit Ende des Zweiten Weltkriegs bringen“, sagte Martin Brudermüller der F.A.Z.

          Auch beim Stahlkonzern Salzgitter hieß es: „Ohne Erdgas keine Produktion von Stahl.“ Der Politik müsse klar sein, dass von der Produktion wiederum die Energieversorgung und die Energiewende abhingen, sagte ein Konzernsprecher.

          Der Glashersteller Wiegand bereitet sich schon auf ein Abschalt-Szenario vor. „Wir beschäftigen uns gerade damit, wie wir im schlimmsten Fall die Schmelzwannen selbst kontrolliert stilllegen können“, sagte Geschäftsführer Nikolaus Wiegand. In elf solcher Wannen hält das Unternehmen an der Grenze zwischen Bayern und Thüringen rund um die Uhr Tausende Tonnen Glas auf einer Temperatur von rund 1600 Grad Celsius. Versiege der Gasstrom von heute auf morgen, würde das Glas kalt und aushärten. Die Schmelzwannen wären dann nicht mehr zu retten – ein Millionenschaden.

          Auch die Bau- und Energie-Expertin Lamia Messari-Becker, die die Bundesregierung berät, warnte für den Fall eines Stopps russischer Gaslieferungen vor verheerenden Folgen. „Wenn Grundstoff-Industrien zum Erliegen kämen, würde ein Dominoeffekt entstehen, der nicht mehr aufzuhalten und nur schwer reparabel wäre“, sagte sie.

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