https://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/gaskrise-in-oesterreich-oel-ist-die-neue-alternative-energie-18153291.html
Bildbeschreibung einblenden

Gas-Krise in Österreich : Öl ist die neue „Alternative Energie“

Leitungsrohre in der Gasspeicherstation Haidach nahe Salzburg. Bild: dpa

Österreich ist in besonders hohem Maße von russischem Gas abhängig. Deshalb sollen Betriebe umrüsten und Haushalte die Fenster abdichten. Doch auch beim Öl gibt es neue Sorgen.

          3 Min.

          Der Begriff „Alternative Energien“ bekommt derzeit in Österreich eine neue Bedeutung. Zumindest für Großverbraucher in der Industrie. Denn die müssen nach dem Beschluss der Regierung auf alternative Energien umstellen. Gemeint sind weniger Wind, Wasser und Sonne, sondern vornehmlich Öl. Ein eingemottetes Kohlekraftwerk wird schon reaktiviert. Der Klimaschutz muss in der Gas-Krise zurücktreten, Versorgungssicherheit hat Vorrang. Österreich ist von der spürbaren Verknappung der Gaslieferungen aus Russland besonders betroffen, denn es ist von den Lieferungen fast völlig abhängig.

          Andreas Mihm
          Wirtschaftskorrespondent für Österreich, Ostmittel-, Südosteuropa und die Türkei mit Sitz in Wien.

          Der Beschluss, den das Parlament noch umsetzen muss, ist Teil eines neuen Plans, mit dem die Regierung das Land gegen eine mögliche Gasversorgungskrise wappnen will. Es komme darauf an, dem russischen Bestreben der Desinformation und Angstmache „in aller Weise entgegenzuwirken“, sagte Bundeskanzler Karl Nehammer (ÖVP).

          Immerhin rechnen inzwischen 83 Prozent der Bevölkerung mit Engpässen in der Energieversorgung als Folge des Ukrainekrieges, wie eine Gallup-Umfrage zeigt. Deshalb will die Regierung besser über die Energieversorgungslage informieren. Aber nicht nur das.

          Speicher systematisch nicht befüllt

          Eine konkrete Folge der Krise nennt der Kanzler nach der Sitzung des Ministerrates am Mittwochmorgen: Man werde den von Gazprom betriebenen, aber nicht genutzten Großspeicher Haidach jetzt auch anderen Unternehmen zur Verfügung stellen. Ein zum 1. Juli in Kraft getretenes Gesetz (Motto: „Use it or lose it“) macht es möglich, gegen eine „systematische Nichtbefüllung“ vorzugehen.

          Noch in diesem Jahr soll der Speicher, der physisch nur mit Deutschland verbunden ist, auch an das österreichische Gasnetz angeschlossen und für heimische Versorger nutzbar gemacht werden. Die Verhandlungen mit Berlin dazu seien weit gediehen. „Auch die Republik Österreich wird den Speicher in Zukunft nutzen“, sagte Nehammer. Das weist auf eine weitere Neuerung hin: Erstmals tritt der Staat selbst als Einkäufer von Gas an den Markt.

          Österreichs Bundeskanzler lobt die europäische Gas-Einkaufsinitiative, will sich am Ausbau des kroatischen Terminals für verflüssigtes Gas (LNG) beteiligen und hofft ab dem kommenden Jahr auf LNG-Lieferungen aus Israel. Zunächst geht es aber um die kurzfristige Sicherheit: „Das Ziel ist Vorsorge für den Winter“, sagt Wirtschaftsminister Martin Kocher (ÖVP). Deshalb stellt er 100 Millionen Euro für den Kostenausgleich beim Kauf von Gas aus anderen Quellen zur Verfügung. Ein Drittel der neuen strategischen Gasreserve von 20 Terawattstunden soll nicht aus russischen Molekülen bestehen.

          Mit all dem will sich das Land auf eine weitere Verknappung der Gaslieferungen vorbereiten. Die Sorge vor einem weiteren Druckabfall in den Leitungen aus Russland ist groß, aber die Speicher seien derzeit etwa zur Hälfte gefüllt, sagt Energieministerin Leonore Gewessler (Grüne). Die Gasmenge allein reicht etwa bis zum Jahresende.

          Österreich stehe besser da als die meisten andern Staaten Europas, sagt die Ministerin. Deshalb verzichte die Regierung darauf, jetzt die zweite Stufe des dreistufigen Alarmplanes auszurufen. Es bleibe einstweilen bei der aktuellen „Frühwarnstufe“, doch stehe mit der angekündigten Wartung der Pipeline Nord Stream 1 ab 11. Juli das nächste kritische Ereignis unmittelbar bevor. Die Sorge wächst, dass die Leitung danach trockenfällt.

          Heizungen warten, Thermen einstellen, Fenster abdichten

          Insofern ist auch der Verordnungsentwurf, nach dem die Industrie ihre Anlagen umrüsten muss, um sie „sowohl mit Gas als auch mit anderen Energieträgern betreiben zu können“ eine Vorsorgemaßnahme. Für die Kosten der Umrüstung der Brenner auf den vorzugsweisen Betrieb mit Öl kommt die Regierung auf.

          Grundsätzlich seien Einsparungen beim Gas notwendig und sinnvoll, sagt der Präsident der Industriellenvereinigung, Georg Knill. Jedoch werde es „viele Unternehmen geben, wo es nicht geht“. Die müssten finanziell unterstützt werden. Eine andere Verordnung für die Industrie ist schon in Kraft gesetzt: Wer selbst eine Gasreserve aufbaut, muss keine Angst haben, dass er dieses Gas im Notfall mit anderen teilen muss.

          Nicht nur die wenigen industriellen Großverbraucher, auch die vielen kleinen privaten Gasverbraucher nimmt Energieministerin Gewessler in den Blick. Ihr Rat: Heizungen warten, Thermen einstellen, Fenster abdichten und „Heizkörper von Möbel befreien“. Das spare nicht nur heimisches Geld, sondern auch russisches Gas.

          Als wäre die Knappheit beim Gas nicht schon groß genug, gibt es neue Sorgen beim Öl. „Österreich geht der Diesel aus“ titelt die Zeitung „Die Presse“ und spekuliert auf den Spätsommer. Denn nach einem Unfall bei Wartungsarbeiten in der größten heimischen Raffinerie ist deren Kapazität auf ein Fünftel gefallen, der halbstaatliche Energiekonzern OMV bemüht sich nun, Diesel und Benzin aus anderen Raffinerien zu besorgen.

          Und obwohl Österreich im Gegensatz zu Deutschland kein Öl aus russischer Förderung bezieht, dreht Moskau auch hier am Hahn. Die aus „Umweltschutzgründen“ gerichtlich angeordnete überraschende Schließung des Ölterminals am russischen Hafen von Noworossijsk am Schwarzen Meer für 30 Tage trifft auch Österreich. Der Hafen ist ein Umschlagort für Öl aus Kasachstan, aus dem 2020 gut ein Drittel der Ölimporte kamen. Glück im Unglück allenfalls, dass die Großraffinerien in Schwechat derzeit stillsteht. Einstweilen sucht Gewessler zu beruhigen: Es gebe genügend Öl auf dem Weltmarkt, um etwaige Lieferengpässe auszugleichen.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Ein Mann versucht sich im heißen Frankfurter Sommer abzukühlen.

          Folgen der Klimakrise : Tödliche Sommer

          Die steigenden Temperaturen bedrohen unsere Gesundheit. Hitzeschutz ist nicht nur eine politische Aufgabe, sondern geht die gesamte Gesellschaft wie jeden Einzelnen an.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Sie können bis zu 5 Newsletter gleichzeitig auswählen Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.