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Ukrainekrieg : Italien bestellt mehr Gas in Afrika, um von Putin unabhängig zu werden

Besiegelt: Die Gas-Partnerschaft zwischen Angola und Italien. Bild: AFP

Um sich von Russland abzukoppeln, vereinbart die italienische Regierung Zukäufe im Kongo und in Angola. In 18 Monaten will sie ohne russisches Gas auskommen.

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          Die italienische Regierung setzt nun alle diplomatischen und außenwirtschaftlichen Hebel in Gang, um sich von russischem Gas unabhängig zu machen. Dafür mobilisiert Italien, das auf Energielieferungen aus Russland ähnlich stark angewiesen ist wie Deutschland, seine Beziehungen in Afrika. Am Donnerstag unterzeichneten Außenminister Luigi Di Maio sowie Umwelt- und Energieminister Roberto Cingolani in Brazzaville mit Vertretern der Republik Kongo eine Absichtserklärung zum Bezug von mehr als 4,5 Milliarden Kubikmeter Gas im Jahr. Der Brennstoff werde vor allem aus einer Flüssiggasanlage stammen, die im kommenden Jahr in Betrieb genommen werden soll.

          Christian Schubert
          Wirtschaftskorrespondent für Italien und Griechenland.

          „Die LNG-Exporte werden es ermöglichen, die über die kongolesische Binnennachfrage hinausgehende Gasproduktion zu nutzen“, teilte der teilstaatliche italienische Energiekonzern ENI am Donnerstag in Bezug auf seine Importhoffnungen mit. Der italienische Ministerpräsident Mario Draghi musste aufgrund einer Covid-Infektion zu Hause bleiben, doch er telefonierte mit dem Präsidenten der Republik Kongo, Denis Sassou Nguesso. Die beiden angereisten italienischen Minister machten zusammen mit dem ENI-Vorstandsvorsitzenden Claudio Descalzi dem Präsidenten in Brazzaville dann auch persönlich ihre Aufwartung.

          Historische Verbindung

          Die afrikanischen Staatschefs dürften es mit Wohlwollen aufnehmen, dass ihre Amtskollegen aus den reichen Industriestaaten nun als Bittsteller auftreten. Am Vortag besuchte die italienische Delegation Angola und vereinbarte auch dort zusätzliche Gaslieferungen nach Italien, die sich dem Vernehmen nach auf rund 1,5 Milliarden Kubikmeter im Jahr belaufen. Im Gegenzug will sich Italien in Afrika stärker engagieren: So vereinbarte ENI mit der Repu­blik Kongo Initiativen in den Bereichen erneuerbare Energien. Die Produktion von Rohstoffen für Bioraffinerien, die nachhaltige Bewirtschaftung von Wäldern, umweltschonende Kochsysteme sowie die Abscheidung von CO2 sollen dabei im Mittelpunkt stehen. Für das Flüssiggasprojekt im Kongo werde jenes Gas genutzt, das der heimische Markt nicht brauche, betont ENI. Die Anlage soll ihre maximale Kapazität von bis zu fünf Milliarden Kubikmetern schrittweise erreichen.

          Die Verbindungen in den Kongo reichen weit zurück. Der wichtigste Entdecker des Landes, Pietro Savorgnan di Brazza, nach dem die Hauptstadt benannt ist, war ein Italiener, der später Franzose wurde. ENI ist seit mehr als einem halben Jahrhundert in dem Land vertreten. Das Unternehmen hat „seit den ersten Jahren der kongolesischen Unabhängigkeit die Industrie- und Energieentwicklungspolitik des Landes begleitet“, teilt die italienische Botschaft in Brazzaville auf ihrer Website mit.

          Italien betont auch, dass es als erstes Land im Pariser Club die kongolesischen Schulden gestrichen habe. Neben ENI arbeiten auch italienische Unternehmen aus dem Ingenieur-, Bau- und Dienstleistungssektor in dem Land, dessen wichtigste Einnahmequelle Erdöl und Erdgas sind. Seit 2018 gehört die Republik Kongo der OPEC an.

          Italien ist freilich nicht die einzige westliche Macht: Frankreich hat, vertreten durch Total Energies, im Kongo ebenso Ambitionen. Und in Ländern wie Angola und Mosambik übt auch Russland Einfluss aus. Angola ist ein großer Importeur russischer Rüstungsgüter; die Verbindung geht bis in die Zeiten des Kalten Krieges zurück. In Mosambik kamen in den vergangenen Jahren schwere Unruhen durch terroristische Gruppen hinzu. Total musste daher ein Milliardenprojekt zum Bau einer Flüssiggasanlage auf Eis legen. Dennoch will Italien nun auch dort Gasquellen auftun. Ministerpräsident Draghi werde wahrscheinlich bald in das Land reisen, heißt es im Außenministerium in Rom. ENI ist seit 2006 in Mosambik vertreten. Zwischen 2011 und 2014 entdeckte das Unternehmen nach eigenen Angaben große Gasvorkommen. Zudem betreibt das Unternehmen ein Flüssiggasprojekt in Mosambik und plant ein weiteres.

          Nach Äußerungen von Energieminister Cingolani muss Italien 29 Milliarden Kubikmeter Gas im Jahr ersetzen, wenn das Land auf die Lieferungen aus Russland verzichten will. Eine wichtige Vereinbarung mit Algerien, die kürzlich getroffen wurde, sieht die Lieferung von zusätzlichen neun Milliarden Kubikmetern je Jahr bis 2023/2024 vor. Ein Vertrag mit Ägypten umfasst zudem mehr als drei Milliarden Kubikmeter Flüssiggas, die allerdings auch in andere europäische Länder gehen sollen. Cingolani glaubt, dass Italien schon in 18 Monaten kein russisches Gas mehr brauchen könnte.

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