https://www.faz.net/-gqe-9b081

G-7-Gipfel in Kanada : Was sonst noch wichtig wäre

  • -Aktualisiert am

Aktivisten von Oxfam führen in Kanada mit Masken der G7-Gipfel Teilnehmer vor, wie Frau unbezahlte Arbeit leisten. Bild: dpa

Afrika, Plastik, Gleichberechtigung – der Handelsstreit mit Präsident Donald Trump drängt beim G-7-Gipfel wichtige Themen an den Rand. Fallen sie unter den Tisch?

          3 Min.

          Als Kanadas Premierminister Justin Trudeau vor zwei Wochen in den 15.000-Einwohner-Ort La Malbaie an der Ostküste des Landes reiste, da wollte er sich schon mal vorab entschuldigen. Für die vielen Sicherheitskontrollen, Straßensperrungen und kreisenden Hubschrauber, die das Treffen der Staats- und Regierungschefs der sieben großen Industrieländer mit sich bringt. Gewohnt entspannt setzte sich Trudeau in seiner Jeans auf die Bühne, auf Augenhöhe mit seinen Bürgern. „Danke, dass ihr die Welt in eurem Hinterhof empfangt.“

          Julia Löhr

          Wirtschaftskorrespondentin in Berlin.

          Geht es nach Trudeau, dann soll es auf diesem G-7-Gipfel, so abgeschirmt er vom Rest der Welt am Freitag auch begonnen hat, nicht zuletzt darum gehen: um mehr Volksnähe der Politik. Keine Gelegenheit ließ Trudeau in den vergangenen Wochen aus, um zu betonen, dass vom Wirtschaftswachstum auf der Welt nicht nur einige wenige profitieren sollten, sondern alle Gruppen der Gesellschaft. Dass es an der Zeit sei, dass Frauen in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft endlich den gleichen Stellenwert bekämen wie Männer. Und auch, dass die Ozeane nicht mehr und mehr zu Sammelbecken für Plastikmüll werden dürfen.

          Was tun gegen die Vermüllung der Meere?

          Doch am Freitag, dem ersten Gipfeltag, war für derlei Gespräche wenig Raum. Die Konfrontation zwischen Trump und den übrigen Staaten im Handelsstreit überlagerte alles – auch das Thema Gleichberechtigung von Mann und Frau. Darüber wird zwar schon seit so vielen Jahren diskutiert, dass mancher nur noch genervt mit den Augen rollen mag. Doch nach einem Bericht des Weltwirtschaftsforums ist der Abstand zwischen den Geschlechtern, gemessen an Kriterien wie Gesundheit, Bildung, ökonomischer Teilhabe und politischer Mitwirkung, zuletzt sogar wieder gestiegen. Auf 68 Prozent beziffert die Organisation den aktuellen Stand der Gleichberechtigung, 100 Jahre würde es im jetzigen Tempo noch dauern, die Lücke zu schließen, in der Arbeitswelt gar 217 Jahre.

          Deutschland liegt zwar in dieser Rangliste mit 78 Prozent auf Rang 12. Allerdings gibt es weiterhin kein Dax-Unternehmen, das einen Frauenanteil von 30 Prozent oder mehr im Vorstand hat, während dies in Schweden schon in jedem dritten Unternehmen der Fall ist. Auch in der Politik sind Frauen in Führungspositionen weiter deutlich in der Minderheit. Eine Ausnahme bildet ausgerechnet das konservative Spanien. In der neuen Regierung dort sind erstmals die Ministerinnen in der Mehrheit.

          Auch die Vermüllung der Ozeane ist ein Problem von internationaler Tragweite. Jedes Jahr landen Schätzungen zufolge zwischen 5 und 13 Millionen Tonnen Kunststoff in den Weltmeeren. 2050 werden Schätzungen zufolge gemessen am Gewicht mehr Plastikteile als Fische in den Ozeanen schwimmen. Die EU-Kommission hat deshalb kürzlich angekündigt, eine Reihe von Einweg-Plastikprodukten zu verbieten, etwa Wattestäbchen, Plastikgeschirr und Strohhalme. Allerdings stammt ein Großteil des in den Ozeanen treibenden Plastiks, rund 80 Prozent, nicht aus der EU, sondern aus Asien. Zu den größten Verursachern von Plastikmüll gehört Indonesien.

          Und dann ist da noch Afrika

          Fachleute beziffern den landesweiten Verbrauch von Plastikbeuteln und -tüten allein dort auf 9,8 Milliarden Stück im Jahr. Davon landeten 95 Prozent in Flüssen. Nun greift die Regierung zu ungewöhnlichen Maßnahmen: Die Imame zweier großer muslimischer Organisationen im Land sollen den Menschen predigen, doch bitte wiederverwendbare Taschen zu nutzen.

          Und dann ist da noch Afrika und die Frage, wie dieser Kontinent wirtschaftlich gestärkt und besser in die Weltwirtschaft eingebunden werden könnte. Das ist besonders in europäischem Interesse, weil davon die Zahl der Migranten entscheidend abhängt. Das Bevölkerungswachstum in Afrika stellt aber auch die Welt insgesamt vor eine Herausforderung. Treffen die Prognosen der Vereinten Nationen für das Jahr 2100 zu, wird sich die afrikanische Bevölkerung von derzeit 1,3 Milliarden auf 4,5 Milliarden Menschen mehr als verdreifachen. Um all diesen Menschen eine Perspektive bieten zu können, müssten über Jahrzehnte jedes Jahr 20 Millionen Arbeitsplätze geschaffen werden, was selbst die größten Optimisten als utopisch bezeichnen.

          Schon im vergangenen Jahr wollte das damalige G-7-Gastgeberland Italien den Kontinent zu einem Schwerpunkt des Gipfels machen, wenig später versuchte es Deutschland auf dem G-20-Gipfel. Doch so recht ist daraus nichts geworden.

          Weitere Themen

          Bis zu 6300 Euro Entschädigung für VW-Kunden Video-Seite öffnen

          Dieselskandal : Bis zu 6300 Euro Entschädigung für VW-Kunden

          Die Einigung von VW und Verbraucherzentrale Bundesverband (vzbv) im Dieselstreit sieht auch weiterhin ein Vergleichsangebot in Höhe von 830 Millionen Euro vor. Kunden, die sich in das Klageregister eingetragen haben, bietet VW eine Einmalzahlung an.

          Topmeldungen

          In der südkoreanischen Stadt Daegu versprühen Soldaten in Schutzanzügen Desinfektionsmittel.

          Liveblog zu Coronavirus : Südkorea bleibt am Wochenende zuhause

          Jens Spahn kündigt für Montag eine Sondersitzung des Gesundheitsausschusses an +++ Dritter Virus-Fall In Hessen gemeldet +++ Automobilsalon in Genf und ITB Berlin abgesagt +++ Südkoreaner soll am Wochenende zu Hause bleiben+++ Alle Entwicklungen im Liveblog.

          Reformstau in Deutschland : Deutschland, wie geht es dir?

          Ein Jahrzehnt Daueraufschwung neigt sich dem Ende entgegen, wirtschaftlich macht sich ein Gefühl des Stillstands breit. Politisch aber bahnen sich Umbrüche an. Zeit zu handeln also – diese Vorschläge hat die F.A.Z.-Redaktion.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.