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Fußball-WM 2002 : Wer versichert die Fifa gegen Ausfallrisiken?

  • Aktualisiert am

Das WM-Stadion von Kobe: potenzielles Ziel für Anschläge? Bild: AP

Die Folgen des Terrors spürt auch der Fußball-Weltverband: Axa will den Versicherungsvertrag für die WM 2002 kündigen.

          3 Min.

          Die Terror-Drohungen des Osama Bin Laden haben die Fußball-WM 2002 in Japan und Südkorea offenbar zu einem unkalkulierbaren Risiko gemacht.

          Der Kölner Versicherungskonzern Axa kündigte den milliardenschweren Vertrag mit dem Weltverband Fifa wegen „der veränderten Gefahrenlage“, so dass ein Ausfall des Spektakels die Veranstalter sowie die Ausrichter in Japan und Südkorea in den Ruin treiben könnte.

          Ganz offensichtlich strebt das von der deutschen Axa geführte Konsortium mehrerer Firmen für die Rekorddeckungssumme von umgerechnet 1,85 Milliarden Mark eine weitaus höhere Prämie als die bisherigen 36,17 Millionen Mark an.

          „Das ist eine noch neue Herausforderung"

          „Das ist eine noch neue Herausforderung. Der Vertrag muss neu verhandelt werden, denn die WM kann nicht ohne Versicherung über die Bühne gehen“, kommentierte Joseph Blatter die Entwicklung beim Kongress der Europäischen Fußball-Union (Uefa) in Prag. Der Fifa-Präsident bezweifelte aber zugleich die Rechtmäßigkeit der Kündigung.

          „Wir gehen nicht davon aus, dass die Durchführung der WM gefährdet ist“, erklärte Sprecher Andreas Herren im Fifa-Hauptquartier Zürich und stellte eine weitergehende Stellungnahme des Weltverbandes in Aussicht.

          „Völlig veränderte Gefahrenlage"

          Das bisherige Paket der seit der WM 1974 in Deutschland zusammenarbeitenden Partner versicherte so ziemlich alles, was zu versichern ist. Beginnend vom verstauchten Knöchel eines Zuschauers im Panikfall über den Satellitenausfall und Erdbeben bis hin zu Attentaten.

          Allerdings galt die Gefahr durch Terror-Attacken bis zu den Anschlägen in den USA sowie Bin Ladens jüngster Ankündigung weiterer Angriffe niedriger als beispielsweise eine für die Werbepreise relevante Verspätung von Spielen.

          „Die völlig veränderte Gefahrenlage erfordert eine neue Bewertung. Es besteht die Notwendigkeit, für neue Situationen ein neues Regelwerk zu schaffen“, begründete Axa-Sprecher Ingo Koch die „formal“ und der Fifa per Fax mitgeteilte Kündigung“ zum 11. November.

          Axa und Fifa suchen tragfähige Lösung

          Der Konzern, der im April 2000 mit dem bisherigen Fifa-Versicherer Albingia der Kölner Erwin und Volker Himmelseher zusammenging und für die WM, gemeinsam mit der Münchener Rück, eine so genannte Derivatdeckung entwickelte, will laut Koch mit der Fifa Gespräche über eine „unter den neuen Bedigungen für beide Seiten tragfähige Lösung finden“.

          Die Verhandlungen sollen bald stattfinden. Koch: „Beide müssen ihre Verantwortung wahrnehmen. Wir jedenfalls haben in Verantwortung für unseren Kunden den Wunsch nach einer gemeinsamen Lösung.“

          Auswirkungen auch auf WM 2006 in Deutschland

          Der Terror, auf den die beiden WM-Gastgeber mit der Ankündigung drastisch verschärfter Sicherheitsmaßnahmen reagiert hatten, dürfte finanzielle Auswirkungen auch auf die Planungen für die WM 2006 in Deutschland haben.

          „Ich kann die Konsequenzen für 2006 noch nicht einschätzen. Eines ist aber deutlich: Die finanziellen Belastungen werden größer“, erklärte Vizepräsident Horst R. Schmidt vom WM-Organisationskomitee. „Das verbessert unsere Lage in den Verhandlungen mit der Fifa über einen Zuschuss an das OK nicht.“

          Auch Uefa-Generaldirektor Gerhard Aigner dachte schon an die EM-Endrunde 2004 in Portugal: „Die Versicherungswelt ist in Bewegung. Die Auswirkungen auf die Uefa sind schwer abzuschätzen. Allerdings haben wir auch eine andere Struktur: Wir versichern die Kosten und nicht den Gewinn.“

          IOC ist nicht gegen Ausfall versichert

          Das Internationale Olympische Komitee (IOC) ist gegen den Ausfall Olympischer Sommer- oder Winterspiele überhaupt nicht versichert. „Die Winterspiele 2002 in Salt Lake City sind nicht durch das IOC versichert. Wir haben das bereits bei früheren Spielen geprüft und kamen zu dem Ergebnis, dass bei Extremfällen Versicherungen nicht greifen“, erklärte IOC-Vizepräsident Thomas Bach.

          Versicherungen schließen nach Bachs Informationen jeweils die Ausrichter von Spielen ab: „Normalerweise sichert sich der Veranstalter gegen ein eigenes Teilrisiko ab.“

          Fifa sichert sich seit WM 1974 ab

          Die Fifa, die bis zur Auslosung der WM-Vorrundengruppen am 1. Dezember im südkoreanischen Pusan mit den Organisationskomitees aus den WM-Gastgeberländern noch zwei Sicherheits-Sondersitzungen abhält, versichert WM-Endrunden seit dem Turnier 1974 in Deutschland.

          Aufgeschreckt durch das Olympia-Attentat 1972 in München, sicherte sich der Weltverband seitdem aus Angst vor Anschlägen der RAF (1974), Tupamaros (Argentinien 1978), ETA (Spanien 1982), Roten Brigaden (Italien 1990) und algerischer Fundamentalisten (Frankreich 1998) oder Erdbeben (Mexiko 1986) und hohen Haftpflicht-Klagen (USA 1994) mit Prämien von bis zu 15 Millionen Mark (1998) ab.

          Wäre das WM-Turnier in Frankreich 1998 ausgefallen, hätten die Versicherungen 640 Millionen Mark auf den Tisch legen müssen.

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