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Fußball-Skandal in Italien : Ein einziges Chaos

Noch lächelt er: der neue Juventus-Vorstand Gianpaolo Montali Bild: AP

Parallel zur Hauptversammlung von Juventus Turin beginnt die Verhandlung des Sportgerichts, von dem ein drastisches Urteil erwartet wird. Manche Spieler der italienischen Nationalmannschaft müssen um ihre berufliche Zukunft bangen.

          Die Situation ist spannungsgeladen und eine Steigerung kaum vorstellbar: Parallel zur Hauptversammlung des bisher erfolgreichsten italienischen Fußballklubs Juventus Turin beginnt in Rom die Verhandlung des Sportgerichts, von dem ein drastisches Urteil erwartet wird. Es droht der Abstieg des einstigen Spitzenklubs in die zweite oder dritte Liga. Damit nicht genug:

          Tobias Piller

          Wirtschaftskorrespondent für Italien und Griechenland mit Sitz in Rom.

          Der 35 Jahre Gianluca Pessotta, einst gefeierter Spieler im Verein und eigentlich vom 1.Juli an als Funktionär verantwortlich für die Mannschaft, hat sich am Dienstag mit dem Rosenkranz in der Hand vom Dach der Juventus-Zentrale gestürzt. Seitdem liegt er auf der Intensivstation. Ein jahrelanger Prozeß wegen Dopings der Spieler liegt noch beim Obersten italienischen Gerichtshof.

          Die Spieler der italienischen Nationalmannschaft im Hauptquartier in Duisburg müssen sich ohnehin große Sorgen um ihre berufliche Zukunft, auch um ihre Gehälter machen. Am Dienstag haben sie noch einen Charterflug nach Turin gebucht, um ihrem früheren Kollegen Pessotta einen Besuch am Krankenbett abzustatten.

          Wo sind die entrüsteten Fußballfans?

          Derweil klagt der große Bösewicht, der frühere Juventus-Generaldirektor Luciano Moggi, bei seinem ersten Fernsehauftritt seit Ausbruch der Skandale auf treuherzig-neapolitanische Art darüber, daß die böswilligen Medien seine Familie zerstört hätten. Dabei gibt es immer neue Verhöre von den Staatsanwälten und viele Indizien dafür, daß Moggi nicht etwa einen einzelnen Schiedsrichter gefügig gemacht haben soll, sondern offenbar ein mafiöses System betrieb, in dem die Oberschiedsrichter ganz nach seinem Wunsch „Unparteiische“ instruierten und zu den Spielen einteilten. Moggis Sohn Alessandro soll davon als Gesellschafter und Geschäftsführer eines Unternehmens zur Betreuung von Hunderten von Spielern profitiert haben. Schließlich konnte er über den Vater Spielerkarrieren zerstören oder fördern, womöglich bis hin zur Aufstellung in der Nationalmannschaft, weil doch der Sohn des Nationaltrainers ebenfalls für Moggi Junior arbeitete.

          Wer nach all den Enthüllungen eine ebenso bewegte Hauptversammlung des börsennotierten Fußballklubs erwartet, wird herb enttäuscht. Zur Bestellung des neuen Verwaltungsrates, als Ersatz für denjenigen, der im Mai unter Schimpf und Schande das Feld geräumt hat, sind nur 104 Aktionäre gekommen. Von den weiß-schwarzen Insignien der Fußballfans ist nichts zu sehen. Fast alle tragen Anzug und Krawatte. Von der Familie Agnelli, die den Fußballklub Juventus zu 62 Prozent kontrolliert und ihn früher immer als ihr Hobby und Prunkstück vorgezeigt hatte, ist dennoch niemand zu sehen. Die Agnellis vertritt der fast 80 Jahre alte Franzo Grande Stevens, ein eleganter und eloquenter Rechtsanwalt mit leuchtend weißen Haaren, der schon für den „Avvocato“ Giovanni Agnelli die delikatesten Probleme gelöst hat und in der Not die Rolle des Übergangspräsidenten übernahm.

          Von der seit Wochen gewachsenen Entrüstung der Fußballfans über die offensichtliche Manipulation ganzer Meisterschaften und von der Enttäuschung unter Tausenden treuen Abonnenten des Bezahlfernsehens für die italienische Fußballmeisterschaft ist ebenso wenig zu hören. Die Idee, daß nur 1,34 Euro an Aktienpreis und ein paar Euro an Bankgebühren reichen könnten, um sich auf der Hauptversammlung Gehör zu verschaffen, fanden zwar einige Sportjournalisten ganz hübsch. Obwohl viele Radiosender täglich viele Stunden ihres Programms mit Fußballdiskussionen füllen, wollte sich niemand die Kontakte zu Juventus und Fiat mit einer Kampagne für Aktionärsdemokratie verderben. Die wenigen Juventus-Fans, die zum Teil über 300 Kilometer angereist sind, stehen daher vor dem Eingang und äußern sich nur mit zwei Spruchbändern: „Gebt unserer grandiosen Mannschaft Ehre und Würde zurück“, heißt es, und an den Verteidiger Pessotta gewandt: „Ein großer Spieler, ein großer Mensch, nicht aufgeben, wie auf dem Fußballplatz“

          „Juve-Fans werden als Diebe beschimpft“

          Drinnen wollen sich die gerade 16 Kleinaktionäre am Rednerpult nicht mehr lang mit der Vergangenheit aufhalten. Mehr noch als Seitenhiebe über mangelnde Ethik und über die Unwissenheit des Großaktionärs wird dem Übergangsvorstand die scheinbar nachgiebige Haltung zu den Korruptions- und Manipulationsvorwürfen vorgehalten. „Juventus hat sich zu wenig verteidigt“, sagt ein Kleinaktionär. „Zuletzt konnte man als Juventus-Fan kaum mehr an die Bar gehen, ohne als Dieb beschimpft zu werden“. Statt ihrem Ärger Luft zu machen, zielen die Redner aber in eine andere Richtung, die in der Krise vielversprechend erscheint:

          Man müsse doch noch ein zehntes Mitglied im Verwaltungsrat einführen, das von den Kleinaktionären und damit von den Fans benannt würde. Doch der Übergangspräsident Franzo Grande Stevens ist um eine Antwort nicht verlegen: Im neuen Verwaltungsrat sei bessere Kontrolle durch „unabhängige“ Mitgliedern garantiert. Ein Vertreter der Minderheit könne aber nicht als „Unabhängiger“ gelten.

          Die anderen „Unabhängigen“, ausgesucht von Grande Stevens und der Familie Agnelli, haben dieses Problem aber offenbar nicht. Sie zeichnen sich ansonsten dadurch aus, daß sie mit der jüngsten Geschichte von Juventus nichts zu tun haben und brillante Lebensläufe vorweisen können, wie der neue Präsident Giovanni Cobolli Gigli, ein Spitzenmanager von Verlagen und Handelsketten, sowie der französische Chief Executive Jean-Claude Blanc, der in Frankreich Olympische Spiele, Autorallyes und Tennisturniere organisiert und vermarktet hat. Cobolli Gigli zeigte sich dann gleich positiv gestimmt von der Hauptversammlung: „Wir stehen für die Veränderung. Und wir wissen, daß Juventus einer der attraktivsten Markennamen Italiens ist, der noch mehr Wirkung entfalten soll“. Und dann, so meint es, gebe es noch „eine kleine Wolke“ über der Zukunft von „Juventus Football Club“.

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