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Fusionspläne : Goldene EADS-Aktie für Berlin

Es ist erstaunlich, dass ausgerechnet in Berlin Zweifel an dem Fusionsprojekt von EADS und BAE angemeldet werden. Will die Bundesregierung künftig mit Milliarden Industriepolitik nach französischem Vorbild betreiben?

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          Während der Euro in der Krise steckt und manche sogar die Zukunft der EU in Frage stellen, plant der EADS-Vorstandsvorsitzende Tom Enders auf Unternehmensebene ein wahrhaft europäisches Projekt: den Zusammenschluss von EADS und BAE Systems. Die Briten, die derzeit drei Kreuze schlagen, weil sie den Euro nicht haben, sollen sich dem kontinentaleuropäischen EADS-Konzern anschließen. Ein gewagter Schritt, der nicht nur politisch heikel ist.

          Aufgrund seiner betriebswirtschaftlichen Logik ist der Zusammenschluss in der Vergangenheit häufig diskutiert worden. Die Unternehmen kennen sich gut, denn sie sind in der Produktion der Kampfflieger Eurofighter und Tornado sowie über den Raketenhersteller MBDA verbunden. Schon Ende der neunziger Jahre führten die Vorgängerunternehmen Dasa und British Aerospace Fusionsgespräche. Denn die Konzerne ergänzen sich: EADS ist etwa auf der Produktseite stark, BAE auf der Service-Seite. Vor allem aber strebt EADS seit langem mehr Gewicht in der Verteidigung an, denn das zivile Luftfahrtgeschäft der Tochtergesellschaft Airbus gilt als zyklisch, auch wenn das Wachstum der Schwellenländer in den kommenden Jahrzehnten einen stabilen Auftrieb verspricht. BAE indes will an der Erfolgsgeschichte von Airbus teilhaben. Die Briten bereuen heute den Verkauf ihrer Airbus-Anteile von 20 Prozent im Jahr 2006. BAE ist zu stark auf den kleinen britischen sowie den amerikanischen Verteidigungsmarkt konzentriert, der zwar der größte der Welt ist, doch auch er stagniert aufgrund der Staatsverschuldung.

          Börse glaubt an die Überwindung der Hürden

          All diese Argumente lassen sich somit auch umdrehen: Warum sucht EADS unbedingt den Einstieg in einen Markt, dessen beste Wachstumsraten der Vergangenheit angehören? Und warum will man den Erfolg von Airbus seitens der Eigentümer überhaupt mit den Briten teilen? Als Flügel-Hersteller sind die Werke in Großbritannien schon heute wesentlich an der Airbus-Produktion beteiligt. Zudem hat sich die große Nachfrage nach Flugzeugen im Gewinn von Airbus nicht dauerhaft niedergeschlagen. Die Umsatzrendite liegt weit unter der von BAE. Große Herausforderungen lauern noch in der Serienproduktion des A380 und der Militärmaschine A400M sowie in der Entwicklung des Langstreckenfliegers A350.

          Die Börse glaubt bisher, dass EADS und Airbus diese Hürden überwinden und die vollen Auftragsbücher mit wachsenden Gewinnen abarbeiten werden. Daher stieg der Wert von EADS in fünf Jahren um 40 Prozent, während der von BAE um 30 Prozent fiel. So gesehen ist das Angebot von EADS an BAE Systems, künftig 40 Prozent des Gesamtkonzerns den Briten zu geben, recht großzügig bemessen. Die EADS-Aktionäre hat die Fusionsabsicht skeptisch gestimmt. Daher fiel der EADS-Aktienkurs, und der von BAE stieg.

          Fusionen schaffen Mehrwert, wenn Doppelarbeit eingespart wird. Bei freundlichen Zusammenschlüssen ist das oft schwierig, weil keine Seite durchgreift. Das gilt erst recht für Unternehmen, die unter ihrer Obergesellschaft rechtlich getrennte Einheiten behalten, so wie von EADS und BAE geplant. In der Verteidigungsindustrie kommt hinzu, dass die Regierungen eifersüchtig über die Produktion in ihren Ländern wachen, was bei Airbus aber auch für den Flugzeugbau gilt. Die Verteidigungsminister haben auch gerne mehrere Auftragnehmer zur Auswahl, anstatt mit einem Anbieter konfrontiert zu sein.

          Auf der anderen Seite wollen die Regierungen schlagkräftige Konzerne, die überall in der Welt Aufträge ergattern und damit Arbeitsplätze in der Heimat sichern. Dies ist die Wachstumschance der Fusion: EADS erhielte mit BAE nicht nur mehr Präsenz in Ländern wie Saudi-Arabien und Australien, sondern würde für asiatische und andere Schwellenländer interessant, wo die Militärbudgets wachsen. Und trotz Stagnation bieten die Vereinigten Staaten weiter Aufträge mit hohen Gewinnmargen.

          Erstaunliche Zweifel der Bundesregierung

          Der wichtigste Pluspunkt des Projekts ist jedoch auf der Kapitalseite zu finden. EADS würde sich durch die Integration von BAE vom politischen Zugriff der französischen und der deutschen Regierung ein großes Stück befreien. Deutschland, Frankreich, Großbritannien und Spanien sollen sich künftig nur durch eine „goldene Aktie“ gegen feindliche Übernahmen und den Verlust sensibler Technologien schützen. So praktizieren es die Briten seit langem, sie sind nicht an BAE beteiligt - und fahren gut damit.

          Umso erstaunlicher, dass ausgerechnet in Berlin Zweifel an einer wirklich europäischen Lösung für EADS angemeldet werden. Will Berlin künftig mit viel Geld Industriepolitik nach französischem Vorbild betreiben? Ist schon vergessen, wie schwierig und nervig das ständige Schielen nach Balance zwischen deutschem und französischem Anteil ist? Seit langem will Daimler als Statthalter deutscher Interessen sich aus EADS zurückziehen, zögerte aber aus politischen Gründen. Im fusionierten EADS/BAE-Konzern könnten Daimler wie auf französischer Seite Lagadére ihre Aktien am Markt verkaufen - und Berlin bekäme, ohne Milliarden in die Hand zu nehmen, mit der goldenen Aktie ein Vetorecht, wie auch Paris und London.

          Christian Schubert

          Wirtschaftskorrespondent in Paris.

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